$39,95 für eine leere Seite: Die parasitäre Logik des wissenschaftlichen Verlagswesens

$39,95 für eine leere Seite: Die parasitäre Logik des wissenschaftlichen Verlagswesens

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Quellen:HN + Science · HN

Du klickst auf den Kaufen-Button. $39,95 – rund 290 Yuan – werden von der Kreditkarte abgebucht. Der Browser beginnt, ein PDF herunterzuladen. Der Dateiname ist eine Kette aus Ziffern und Buchstaben.

Du öffnest die Datei. Eine leere Seite.

Darauf steht nur ein Satz: “This article has been withdrawn due to article violation.”

Hinter diesem Satz stehen zwei Aufsätze. Der Autor ist Max Planck, Begründer der Quantenphysik, Nobelpreisträger für Physik 1918. Die beiden Aufsätze erschienen 1940 und 1942 in der Zeitschrift Die Naturwissenschaften.

1947 starb Planck, die Aufsätze gingen in die Public Domain über. An einem Tag im Jahr 2026 klickt jemand auf der digitalen Plattform von Springer Nature auf diese beiden Aufsätze – und sieht nur leere Seiten.

Der Verlag hat weder Plancks Nachfahren benachrichtigt, noch die Historikerzunft konsultiert, noch eine manuelle Prüfung durchgeführt. Ein automatischer Urheberrechtsalgorithmus stufte Plancks Aufsätze als »regelwidrig« ein.

Die Logik des Algorithmus: Im November 1940 veröffentlichte der Philosoph Aloys Müller in derselben Zeitschrift einen Artikel, der Plancks Positionen kritisierte, unter dem Titel »Naturwissenschaft und reale Außenwelt«. Einen Monat später antwortete Planck unter exakt demselben Titel. Anderer Inhalt, gleicher Titel. Der Algorithmus markierte dies als »Doppelpublikation«.

Retraktion. Das leere PDF wird weiterhin verkauft. Preis unverändert.

Der Hammer des Algorithmus

Die Absurdität dieses Vorgangs bedarf keiner Ausschmückung. Was erklärt werden muss, ist die Struktur unterhalb der Absurdität.

Yves Gingras und Mahdi Khelfaoui haben in einer auf arXiv veröffentlichten Untersuchung die Ereigniskette rekonstruiert. In der Publikationskultur des frühen 20. Jahrhunderts war es gängige Praxis, dass derselbe Aufsatz in mehreren Formaten erschien – in einer Zeitschrift, einem Tagungsband, einer Festschrift. Unterschiedliche Leserkreise erhielten dasselbe Wissen über verschiedene Kanäle; im Druckzeitalter war das Verbreitungsstrategie, kein akademisches Fehlverhalten. »Doppelpublikation« und »Selbstplagiat« wurden als normative Konzepte erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts institutionalisiert – parallel zum Aufstieg der Bibliometrie und des kommerziellen Wissenschaftsverlagswesens.

Das Problem: Der Algorithmus von Springer Nature besitzt keine Schicht für historische Kontextwahrnehmung. Er hat die Publikationskonventionen der 1940er Jahre in den Urheberrechts-Compliance-Rahmen des 21. Jahrhunderts eingespeist und ein mechanisch präzises, historisch absurdes Ergebnis produziert. In Ingenieursjargon: Der Algorithmus erreichte einen perfekten internen Konsistenzwert, aber sein Trainingsset enthielt das Merkmal »Epochenunterschied« nicht.

Gingras und Khelfaoui weisen auf ein ironisches Ende hin: Die beiden Aufsätze, die von der kommerziellen Verlagsplattform gesperrt wurden, sind heute frei zugänglich – im gemeinnützigen Internet Archive. Das öffentliche Wissenserbe bewahrt die Piratenbibliothek.

Die Strukturmerkmale des parasitären Modells

Einer der am höchsten bewerteten Kommentare im HN-Thread, von Nutzer stncls, formuliert es unverblümt: “I can’t wait for this parasitic business model to collapse for good.” In 165 Kommentaren taucht das Wort »parasitic« mehr als einmal auf. Diese Wut richtet sich gegen ein wiederholt bestätigtes Verhaltensmuster, keinen Einzelfall.

Das sogenannte »parasitäre Modell« bezeichnet im Kontext des wissenschaftlichen Publizierens eine spezifische Wertabschöpfungsstruktur. Aus der Community-Diskussion lassen sich folgende Kernmerkmale ableiten:

Erstens: Die zentralen Produktionsfaktoren werden extern und unentgeltlich bereitgestellt. Forschung wird mit öffentlichen Mitteln finanziert, Aufsätze werden von Forschenden geschrieben, Peer Review wird von anderen Forschenden unentgeltlich durchgeführt, redaktionelle Arbeit wird von Mitgliedern der akademischen Gemeinschaft ehrenamtlich geleistet. Der Beitrag des Verlags konzentriert sich auf Satz, Hosting und Abonnementverwaltung – sowie die Rechtsabteilung.

Zweitens: Preisgestaltung und Kosten sind entkoppelt. Ein einzelner Aufsatz kostet den Leser $39,95, die Article Processing Charges (APC) auf Autorenseite belaufen sich auf Tausende Dollar, während die marginalen Verbreitungskosten gegen null gehen. Die Nettogewinnmarge des Wissenschaftsverlagsgeschäfts der RELX Group (Mutterkonzern von Elsevier) liegt bei etwa 39 %, Springer Nature bei etwa 28 %, Wiley bei etwa 18 %.

Zum Vergleich: Apples Nettogewinnmarge lag 2024 bei etwa 26 %. Die Profitabilität wissenschaftlicher Verlage übertrifft regelmäßig die der Unterhaltungselektronikbranche.

Drittens: Institutionelle Schutzgräben für Monopolrenten. Der Markt für wissenschaftliche Zeitschriften ist kein Preiswettbewerb – man kann Nature nicht durch eine billigere Zeitschrift ersetzen, denn die Marke der Zeitschrift ist selbst die Währung im akademischen Bewertungssystem. Forschende müssen in »High-Impact-Journals« publizieren, um Stellen, Fördermittel und Tenure zu erhalten. Der Lock-in-Effekt dieses Bewertungsmechanismus hat dazu geführt, dass die fünf großen Verlagsgruppen (Elsevier, Springer Nature, Wiley, Taylor & Francis, Sage/ACS) heute über 50 % der weltweiten wissenschaftlichen Aufsatzproduktion kontrollieren – 1973 waren es nur 20 %.

Viertens: Retraktionen leiden unter schwerwiegenden Fehlanreizen. Für Forschende ist eine Retraktion ein Karrierestigma; für Verlage ist sie ein Nullkosten-Vorgang. Springer Nature lehnte jeden Kommentar zur Planck-Retraktion ab und erklärte lediglich, »detaillierte Retraktionsinformationen seien in der Regel vertraulich und könnten nur mit den betroffenen Autoren geteilt werden«. Bei einem Autor, der seit 79 Jahren tot ist und dessen Aufsätze gemeinfrei sind, spricht die Anwendbarkeit dieser Richtlinie für sich selbst.

Die Argumente der Verlage und die Antwort der Community

Fairerweise muss man sagen, dass wissenschaftliche Verlage nicht ohne eigenes Narrativ dastehen. Bei der Durchsicht der Branchendiskussionen kristallisieren sich folgende Kernargumente heraus:

Verlage behaupten, ihre Gebühren deckten die Verwaltungskosten des Peer Review. In der Tat verursacht die Organisation von Begutachtungsprozessen – Matching von Gutachtern, Bearbeitung von Einsprüchen, Pflege von Einreichungssystemen – Personalkosten. Doch eine Kostenanalyse des frühen arXiv-Teams liefert Vergleichsdaten: Bei gemeinnützigen Zeitschriften (wie Physical Review) liegen die Verwaltungskosten pro Artikel bei etwa $3–$5, der Großteil entfällt auf »Berufungen und andere Ausnahmefälle im Review-Prozess«. Bei kommerziellen Zeitschriften liegt der Verkaufspreis pro Artikel zwei Größenordnungen höher.

Verlage betonen die Qualitätssignalfunktion ihrer Marken. Historisch hat dieses Argument eine gewisse Berechtigung – Nature und Science haben tatsächlich Forschung herausgefiltert, die die Welt verändert hat. Aber HN-Nutzer jrumbut stellte eine breit zustimmend aufgenommene Gegenfrage: “If the publishers have so much work to do — like staffing real domain-expert editors, developing open-source format auto-validation libraries, launching multimedia appendices — why don’t they do it?”

Seine Beobachtung: Es gibt viele Wege zu beweisen, dass diese Unternehmen ihren Preis wert sind. Sie entscheiden sich, es nicht zu tun. Das implizite Urteil dieses Kommentars: Der Pfad der Gewinnmaximierung ist die Verteidigung der Monopolstellung, nicht die Verbesserung des Produkts. Kosten zur Qualitätssteigerung einzusetzen, könnte die Margen schmälern.

Verlage verweisen auch darauf, dass die Open-Access-Transformation Zeit brauche. Plan S und cOAlition S haben tatsächlich Fortschritte erzielt: Bis 2025 verlangen mehrere europäische Forschungsförderer, dass geförderte Aufsätze sofort Open Access gestellt werden. Doch parallel dazu bestand die Gegenstrategie der Verlage darin, die Open-Access-Gebühren zu erhöhen – und damit den Verlust an Abonnementeinnahmen auf die Autorenseite zu verlagern. Die Gesamtkosten des wissenschaftlichen Publizierens sind nicht gesunken; nur der Zahler hat gewechselt, von der Bibliothek zum Forschungsbudget.

Ein System, das sich nicht selbst korrigieren kann

Zurück zur Planck-Retraktion. Das tiefste Problem, das dieser Vorfall offenlegt, ist nicht, dass ein Algorithmus einen Bug hatte. Bugs in Algorithmen sind normal. Das Problem ist, dass das System, nachdem der Bug entdeckt und öffentlich berichtet wurde, keinen Mechanismus besitzt, ihn zu korrigieren.

Ein selbstkorrigierendes System benötigt mindestens drei Bedingungen: transparente nachträgliche Überprüfung, positive Anreize für Fehlerkorrektur und einen Rechtsbehelfsweg für betroffene Interessengruppen. Im Fall Planck fehlen alle drei Bedingungen.

Retraktionsgründe sind vertraulich. Springer Nature lehnt jeden Kommentar ab. Planck selbst ist tot, Nachfahren wurden nicht benachrichtigt, geschweige denn dass sie Einspruch einlegen könnten. Das leere PDF wird weiterhin für $39,95 verkauft – das System hat keinen Anreiz, dieses Produkt aus dem Sortiment zu nehmen, denn es trägt keine externen Kosten.

In der HN-Diskussion erschien ein Kommentar, schlicht formuliert, aber präzise: “The purpose of a system is what it does.” Der Satz stammt vom Managementkybernetiker Stafford Beer. Ein System, das kontinuierlich leere Seiten verkauft, Korrekturen verweigert und Erklärungen schuldig bleibt, hat nicht die Funktion, Wissen zu verbreiten oder akademische Integrität zu wahren. Seine Funktion – aus beobachtbarem Verhalten abgeleitet – besteht darin, Rentenabschöpfung zu maximieren und Verantwortungsübernahme zu minimieren.

Dieses Urteil ist nicht absolut. Ich habe keine vollständigen Informationen über die interne Entscheidungsfindung von Springer Nature untersucht. Aber die beobachtbaren Verhaltensmuster – Autoren nicht benachrichtigen, keine Erklärung liefern, Fehler nicht korrigieren, Gebühren nicht einstellen – sind in der öffentlichen Dokumentation überprüfbar.

Von Piratenbibliotheken zu Kartellklagen

Die institutionellen Spannungen entladen sich in mehrere Richtungen. Auf der einen Seite umgehen Sci-Hub und Anna’s Archive die Paywall mit technischen Mitteln und bieten freien Zugang zu rund 90 Millionen Aufsätzen. Im Fall Planck spielte das Internet Archive eine ähnliche Rolle – es bewahrte Inhalte, die der Verlag aufgegeben hatte.

Auf der anderen Seite formiert sich juristischer Widerstand. 2025 reichten US-Forschende eine Kartell-Sammelklage gegen sechs große Verlage ein, darunter Elsevier und Springer Nature. Der Vorwurf: Manipulation des Peer-Review-Systems zur Kostenexternalisierung, Erzwingung von Exklusiv-Einreichungen und Durchsetzung akademischer Geheimhaltungsklauseln.

Diese Entwicklungen deuten auf einen Trend hin: Das Wertabschöpfungsmodell des wissenschaftlichen Publizierens wird von mehreren Seiten gleichzeitig angegriffen. Aber das Modell hat Trägheit. Wie HN-Nutzer vitally3643 in seinem Kommentar zusammenfasste: Die Logik der Verlage ist einfach – wenn man auch ohne Investitionen die Abonnementeinnahmen halten kann, warum sollte man investieren?

Dass Plancks Aufsätze zurückgezogen wurden, ist kein Unfall. Es ist das Ergebnis institutionellen Designs. Die Designlogik ist klar: Wenn die Wahrung von Wissensintegrität Kosten verursacht und ihre Vernachlässigung keine Sanktionen nach sich zieht, wird das System Letzteres wählen.

Ich habe nie in der wissenschaftlichen Verlagsbranche gearbeitet; die obige Analyse stützt sich auf öffentlich zugängliche Daten und Community-Diskussionen. Über die internen Abläufe der Branche habe ich keine Erfahrung aus erster Hand. Dieser Text bietet die Perspektive eines externen Beobachters – der anhand eines Extremfalls versucht, die Widersprüche im institutionellen Arrangement sichtbar zu machen.