Aus für Cookie-Banner in der EU? Warum 90% „Zustimmung“ eine Illusion sind und wer ihr Ende blockiert

Aus für Cookie-Banner in der EU? Warum 90% „Zustimmung“ eine Illusion sind und wer ihr Ende blockiert

datenschutzregulierungeucookie

Quellen:Lobsters + web research

Sie öffnen eine Nachrichtenseite, und noch bevor der Haupttext lädt, erscheint ein Pop-up: „Wir schätzen Ihre Privatsphäre. Bitte wählen Sie, ob Sie Cookies zustimmen möchten.“ Sie überfliegen den Text kurz und klicken auf die größte Schaltfläche – „Alle akzeptieren“. Damit sind Sie keineswegs allein. Nach Statistiken der europäischen Datenschutzorganisation noyb klicken im Zeitalter der Cookie-Banner rund 90 % der Nutzer auf „Zustimmen“, während tatsächlich nur etwa 3 % getrackt werden wollen. Die verbleibenden 87 Prozentpunkte sind das Ergebnis gezielten Designs.

Im Juli 2026 starteten mehr als ein Dutzend europäische Zivilgesellschaftsorganisationen (darunter noyb, EDRi, EFF und der Verbraucherverband BEUC) eine Initiative: #KillTheCookieBanner – im wörtlichen Sinne: Schafft die Cookie-Banner ab. Weniger als einen Monat nach dem Start weitete sich die Diskussion von Hacker News auf Lobsters aus und löste mit über 80 Punkten und 16 Kommentaren eine Debatte aus, die lebhafter war als die Banner selbst.

活动官网主视觉:把在线跟踪比作一场马戏 Abb.: Hauptmotiv der offiziellen Website „Stop the tracking circus“ – vergleicht die Tracking-Industrie mit einem Zirkus. Quelle: killthecookiebanner.eu

Die meisten glauben, Cookie-Banner seien eine Erfindung der DSGVO. Doch die Ursprünge reichen weiter zurück.

Bereits 2002 verabschiedete die EU die ePrivacy-Richtlinie (Richtlinie über Datenschutz in der elektronischen Kommunikation), die das Speichern von Informationen auf Endgeräten regelt. Eine Überarbeitung im Jahr 2009 fügte eine Bestimmung hinzu: Websites müssen die vorherige Zustimmung einholen, bevor sie ein Cookie auf dem Gerät des Nutzers ablegen (vergleichbar mit einem personalisierten Kassenbon in der eigenen Tasche). Das Gesetz trat 2009 in Kraft, wurde aber jahrelang weitgehend ignoriert – Aufsichtsbehörden griffen nicht ein, und Websites taten acht Jahre lang so, als gäbe es die Vorgabe nicht.

Am 25. Mai 2018 trat die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung) in Kraft, die ein Bußgeld von bis zu 4 % des weltweiten Jahresumsatzes eines Unternehmens vorsah. Websites in ganz Europa gerieten in Panik und fügten über Nacht Banner hinzu. In Entwicklerkreisen hält sich bis heute das Missverständnis, die Banner-Welle sei direkt durch die DSGVO erzwungen worden. Der erfahrene Entwickler chrismorgan stellte auf Lobsters klar: Die ersten Banner um 2017 basierten tatsächlich auf dem jahrelang ignorierten Gesetz von 2009 – die DSGVO wirkte lediglich als Wecker, der alle schlagartig an das alte Gesetz erinnerte.

Ein Vergleich zur Veranschaulichung: Das Geschwindigkeitsbegrenzungsschild stand acht Jahre lang unbeachtet am Straßenrand, bis die Polizei plötzlich mit drastischen Bußgeldern auftauchte. Alle Fahrer stiegen abrupt auf die Bremse – ob jedoch Schweller auf der Fahrbahn oder Mautstationen errichtet wurden, hing davon ab, wer für den Umbau bezahlte.

Damit begann das Tauziehen zwischen Websites und Nutzern.

官网插画:弹窗如何哄你交出「同意」 Abb.: Illustration der offiziellen Website aus dem Abschnitt „Cookie-Banner dienen dazu, Sie zur Preisgabe Ihrer Rechte zu verleiten“. Quelle: killthecookiebanner.eu

Wie 90 % „Zustimmung“ zustande kommen

Der ursprüngliche Geist des Gesetzes lautet: „Tracking ist standardmäßig verboten – wer tracken will, muss zuerst fragen.“ Die Industrie entdeckte jedoch eine Lücke: Die Art und Weise des Fragens lässt sich hochgradig optimieren.

„Alle akzeptieren“ ist ein großer, farbiger Button an prominenter Stelle; „Ablehnen“ ist als winziger, grauer Text in einem Untermenü versteckt. Manche Banner bieten überhaupt keine Ablehnungsoption. Nutzer, die täglich von Dutzenden Bannern bombardiert werden, entwickeln einen Reflex: Sie klicken blind auf die auffälligste Schaltfläche.

Aus technischer Sicht sind Cookie-Banner Maschinen zur Konversionsraten-Optimierung – entwickelt nach denselben Prinzipien, mit denen E-Commerce-Plattformen den Button „In den Warenkorb“ möglichst auffällig gestalten. Auch die Reaktion der Regulierungsbehörden war außerordentlich langsam: chrismorgan kritisierte, dass die Behörden etwa fünf Jahre lang höflich darum baten, nicht konforme Websites anzupassen, anstatt konsequent durchzugreifen.

Die Differenz zwischen den 90 % der Menschen, die auf Zustimmen klicken, und den 3 %, die tatsächlich getrackt werden wollen, bildet das Geschäftsmodell der gesamten Banner-Industrie.

Der Lösungsansatz der EU: Zustimmung in den Browser verlagern

Im Herbst 2025 integrierte die Europäische Kommission eine Überarbeitung der Cookie-Regeln in ein Gesetzespaket (Digital Omnibus / Paket zur digitalen Verwaltungsvereinfachung). Artikel 88b sah eine einfache Lösung vor: Die Erteilung der Zustimmung wird von den einzelnen Websites in den Browser verlagert.

In den Browser-Einstellungen legt der Nutzer einmalig fest: „Ich möchte nicht getrackt werden.“ Jede Website liest dieses Signal künftig automatisch aus, sodass Cookie-Banner überflüssig werden. Technisch ist dies keineswegs neu – Browser teilen Websites bereits seit Langem automatisch Spracheinstellungen und Zeitzonen mit, ohne dass jemals ein Popup erforderlich war. Unter dem kalifornischen CCPA gibt es mit dem Global Privacy Control (GPC) ein etabliertes Vorbild, das in Firefox und Brave bereits integriert ist. Der EU-Entwurf sah zudem Ausnahmen vor: Nutzer könnten einzelnen Websites gezielt Ausnahmen erteilen, und Nachrichtenmedien sollten weitgehend befreit werden.

Machtkämpfe in den Lobbyfluren

Doch dann regte sich Widerstand.

Google veröffentlichte einen Bericht, wonach browserbasierte Signale erhebliche negative Auswirkungen auf die Werbeeinnahmen hätten, da sie einer pauschalen Ablehnung von Werbung durch die Nutzer gleichkämen. In Unterlagen von Branchenlobbys war gar von 40 bis 50 Milliarden Euro an betroffenen Werbeeinnahmen die Rede – eine Zahl aus Branchenkreisen, die sich unabhängig kaum überprüfen lässt. Die genaue Summe ist jedoch zweitrangig; die Tendenz ist eindeutig: Verhaltensbasierte Werbung (Behavioral Advertising auf Basis des Browserverlaufs) ist der Treibstoff der gesamten Digitalbranche.

Die Lobbyarbeit zeigte Wirkung. Mitgliedstaaten wie Deutschland, Frankreich und Polen drängten im Rat der Europäischen Union darauf, den besagten Artikel zu streichen. Am 18. Juni 2026 erschien die Position des EU-Rats, in der Artikel 88b offiziell entfernt worden war. Max Schrems, Gründer von noyb, kommentierte am 23. Juni auf LinkedIn: „Das kann man sich nicht ausdenken: Google, Deutschland und Frankreich lobbyieren für den Erhalt von Cookie-Bannern, während die EU-Kommission eine einfache signallösende Alternative vorgeschlagen hat. Die Lobbyarbeit richtet sich gegen den Willen der großen Mehrheit der Wähler – und war auch noch erfolgreich.“

Der zivilgesellschaftliche Gegenangriff ging im Juli mit der erwähnten Initiative #KillTheCookieBanner online. Ein Detail verdient Klarstellung: Es handelt sich um eine zivilgesellschaftliche Kampagne und nicht um eine offizielle „Europäische Bürgerinitiative“ (ECI), die 1 Million Unterschriften für ein förmliches Verfahren erfordert. Die Initiative ruft Bürger dazu auf, sich direkt an ihre nationalen und europäischen Abgeordneten zu wenden. Selbst der Verfasser des Beitrags auf Lobsters merkte an: „Das ist keine Petition im klassischen Sinne, sondern ein Aufruf zur Kontaktauframnahme mit Abgeordneten ohne streng definiertes Handlungsziel.“

官网插画:跟踪行业与弹窗的拉锯 Abb.: Illustration der offiziellen Website aus dem Abschnitt „Lobbyarbeit der Tracking-Industrie zur Erhaltung der Banner“. Quelle: killthecookiebanner.eu

Die Gegenstimmen kommen nicht nur von Werbetreibenden

Die Debatte verläuft keineswegs einseitig; auch Skeptiker bringen bedenkenswerte Argumente vor.

PositionVertreterKernargument
Für die Abschaffung der BannerDatenschutzorganisationen, Großteil der NutzerBanner sind konstruierte Belästigung; 90 % „Zustimmung“ sind eine Illusion; die Regulierer hätten längst durchgreifen müssen.
WerbeindustrieGoogle u. a.Verhaltensbasierte Werbung finanziert kostenlose Inhalte; Browser-Signale kommen einer faktischen Zerschlagung der Branche gleich.
Kritik aus der Brancherkaw92 (AdTech-Insider)Der einzige Ausweg ist ein vollständiges Verbot verhaltensbasierter Werbung; „Zustimmung“ wurde nie freiwillig erteilt, das ständige Fragen ist bereits eine Zumutung.
Technische SkeptikerSharparamWebsites ignorieren oft schon Sprachpräferenzen der Browser – warum sollten sie Datenschutzsignale respektieren?
Kurioser WiderspruchcasperinIch mag Banner – sie erinnern mich kontinuierlich daran, wie viele Unternehmen rücksichtslos agieren.

Besonders bemerkenswert ist die Haltung von rkaw92. Als Insider der Werbetechnologie (AdTech) müsste er eigentlich die Branchenposition vertreten, äußert sich jedoch schärfer als viele Datenschutzaktivisten: Die Zustimmung zu verhaltensbasierter Werbung sei zu keinem Zeitpunkt freiwillig erfolgt. Als Beispiel nennt er die Google-Startseite: Öffnet man Google in der EU, erscheint eine Zustimmungsliste, durch die man lange scrollen muss, um die Option „Ablehnen“ zu finden – subtiler als einfache Checkboxen, aber mit demselben Ziel, Ablehnung möglichst zu erschweren. Zudem stellt er eine beunruhigende Prognose auf: Werden Banner abgeschafft, weichen Websites auf Paywalls oder Registrierungsschranken aus – wer Nachrichten lesen will, muss sich zuerst mit seinem Google-Konto anmelden. Doch die Kontensysteme der Big-Tech-Konzerne sind selbst die mächtigsten Tracker.

Auch die Bedenken technischer Skeptiker sind berechtigt: Wenn Websites bereits vom Browser übermittelte Sprachpräferenzen ignorieren, welche Garantie gibt es, dass sie Datenschutzsignale respektieren? Gesetzestexte setzen sich nicht von selbst durch, sondern erfordern konsequente Durchsetzung durch Regulierungsbehörden. Wie schnell diese agieren werden, bleibt ungewiss.

Wenn die Banner verschwinden: Verschwinden dann auch die Daten?

Sollte der Vorschlag letztlich angenommen werden: Sie stellen Ihre Präferenz einmalig ein, die Banner verschwinden, Websites müssen Ihre Wahl akzeptieren, und ein Erfassungskanal für Ihr Surfverhalten entfällt.

Scheitert die Initiative: Die Banner bleiben bestehen, und Ihre „Zustimmung“ wird weiterhin systematisch abgeschöpft. Daten verschwinden ohnehin nicht automatisch mit dem Ende der Banner – Websites können auf eine erweiterte Auslegung „notwendiger Cookies“, Login-Schranken oder E-Mail-Newsletter ausweichen, um dasselbe Ziel zu erreichen. Banner sind nur das Mittel, Tracking bleibt der Zweck.

Derzeit gibt es zwei konkrete Handlungsmöglichkeiten. Erstens die Installation von Browser-Erweiterungen: Consent-O-Matic ermöglicht das einmalige Festlegen von Präferenzen und schließt Banner automatisch in Ihrem Sinne; uBlock Origin filtert den Großteil der Banner direkt heraus. Zweitens: Bürger in der EU können ihren Abgeordneten schreiben – entsprechende Vorlagen stellt die Initiative bereit.

Die Auseinandersetzung ist noch nicht entschieden: Das Europäische Parlament hat seine Position noch nicht final festgelegt; eine endgültige Entscheidung könnte sich bis Ende 2026 hinziehen. Die Streichung des Artikels durch den Rat bedeutet noch nicht das endgültige Aus, da das Parlament die Bestimmung wieder einfügen kann.

Der Autor befindet sich weder in der EU noch lebt er von verhaltensbasierter Werbung. Dieser Beitrag entsteht aus einer einfachen Erkenntnis: Cookie-Banner sind vermutlich das einzige Phänomen im Internet, über das sich fast alle Nutzer einig sind – niemand mag sie. Doch zwischen „etwas hassen“ and „wissen, wie man es abschafft“ liegt ein langer Korridor voller Lobbyarbeit.

Die Banner sind nur das Symptom. Worum tatsächlich gerungen wird, ist die Frage, ob der Begriff „Zustimmung“ noch einen Wert besitzt. Eine Antwort darauf dürfte bis Ende des Jahres vorliegen.

Weiterführende Links:

  • Kill the Cookie Banner Bürgerinitiative (initiiert von europäischen Zivilgesellschaftsorganisationen)
  • Lobsters-Diskussion (lobste.rs/s/aftrcr)
  • GDPR Local: Analyse zur Cookie-Banner-Reform
  • EU Digital Omnibus Vorschlag (Artikel 88b)
  • Cybernews: Bericht über die Bewegung gegen Cookie-Banner