Im Herbst 2025 fügte die Europäische Kommission stillschweigend einen Vorschlag in das Reformpaket “Digital Omnibus” ein: Nutzer sollten ihre Datenschutzpräferenzen einmalig in ihrem Webbrowser festlegen können, sodass sie nicht mehr bei jedem Besuch einer neuen Website mit lästigen Cookie-Bannern konfrontiert werden. Dieser überaus vernünftige Vorschlag löste jedoch in den folgenden Monaten einen unsichtbaren Krieg aus.
Am 18. Juni 2026 veröffentlichte der Rat der Europäischen Union ein Positionspapier—in dem die Klausel für automatisierte Browser-Signale gestrichen wurde. Woher kam der Druck zur Streichung? Google hatte einen Bericht veröffentlicht, in dem behauptet wurde, dass Einwilligungssignale auf Browserebene “erhebliche negative Auswirkungen auf die Online-Werbeeinnahmen” hätten. Gleichzeitig stellten sich Mitgliedstaaten wie Deutschland und Frankreich auf die Seite der Gegner.
Die Situation wirkt absurd: Warum wurde eine Reform abgelehnt, die normale Nutzer von der ständigen Belästigung durch Cookie-Banner befreien sollte? Blicken wir gemeinsam auf die Hintergründe dieses Ereignisses zurück.
Abbildung: Homepage der Kampagne Kill The Cookie Banner. Quelle: killthecookiebanner.eu
Was genau ist ein Cookie-Banner eigentlich?
Sie nehmen vielleicht an, dass Cookie-Banner durch EU-Recht vorgeschrieben sind. Das genaue Gegenteil ist der Fall.
Das EU-Recht (die ePrivacy-Richtlinie und die DSGVO/GDPR) vertritt den Standpunkt, dass Online-Tracking standardmäßig verboten ist. Websites müssen die ausdrückliche Einwilligung des Nutzers einholen, bevor sie Tracking-Cookies speichern oder Fingerprinting-Technologien einsetzen dürfen. Mit anderen Worten: Das Gesetz stand ursprünglich auf der Seite des Nutzers—Ihre Privatsphäre ist standardmäßig geschützt.
Die Tracking-Industrie stand jedoch vor einem fundamentalen Problem: Wenn sie sich strikt an den Grundsatz “standardmäßig verboten” hielte, würde die überwiegende Mehrheit der Menschen dem Tracking niemals aktiv zustimmen. Deshalb erfanden sie ein Werkzeug: das Cookie-Einwilligungsbanner.
Sein eigentlicher Zweck ist es, Sie dazu zu bringen, auf Ihre Rechte zu verzichten.
Daraus entstand die Industrie der Cookie Banner Provider (Consent Management Platforms, kurz CMP). Unternehmen wie OneTrust, Cookiebot und Usercentrics spezialisieren sich darauf, Websites Pop-up-Banner anzubieten. Ihr Geschäftsmodell basiert darauf, Nutzer zum Klick auf “Akzeptieren” zu bewegen—Websites bezahlen sie dafür, Banner so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen auf “Akzeptieren” klicken.
90 % vs. 3 %—Was die Zahlen offenbaren
Die Kampagne “Kill The Cookie Banner” führt eindringliche Zahlen an: Unter dem derzeitigen Cookie-Banner-System klicken bis zu 90 % der Menschen auf “Akzeptieren”, aber nur etwa 3 % der Nutzer wollen tatsächlich verfolgt werden.
Mit anderen Worten: Diese 87 % “Einwilligung” sind eine konstruierte, vorgetäuschte Zustimmung.
Abbildung: Gegenüberstellung von Zustimmungssätzen und tatsächlicher Nutzerabsicht. Quelle: killthecookiebanner.eu
Warum ist das so? Wenn Sie fast jedes beliebige Cookie-Banner genau betrachten, stellen Sie fest, dass das Design voller “Dark Patterns” steckt:
- Der Button “Alle akzeptieren” ist meist groß, auffällig gefärbt und an der prominentesten Stelle platziert.
- “Alle ablehnen” ist im Kleingedruckten, hinter grauen Schaltflächen oder in Untermenüs versteckt, die Scrollen erfordern.
- Manche Banner bieten gar keine Option “Alle ablehnen”—Sie müssen Dutzende von Drittanbieter-Partnern einzeln manuell deaktivieren.
- Selbst wenn Sie Ablehnen wählen, zeigen manche Websites ein identisches Pop-up an, damit Sie erneut wählen.
Ein HN-Nutzer namens whstl teilte in der Diskussion eine persönliche Erfahrung, die die Realität treffend beschreibt: Ein Cookie-Banner-Anbieter erklärte einem Kunden in einem Meeting: “In Europa können Sie die Schaltfläche ‘Alle ablehnen’ entfernen—das Risiko, verklagt zu werden, ist ohnehin gering. Wir empfehlen jedoch, sie in Kalifornien beizubehalten, da dort das Durchsetzungsrisiko geringer ist.” Direkt nach diesem Satz fügten sie hinzu: “Erzählen Sie niemandem, dass wir das gesagt haben.”
Und das, während die Kamera noch lief. Das ist das ungeschminkteste Bild dieser Branche.
Auch “Ablehnen” nützt nichts—Das Banner selbst ist eine Fassade
Das tiefere Problem ist: Selbst wenn Sie sich die Mühe machen, auf “Ablehnen” zu klicken, hat das Tracking in vielen Fällen bereits stattgefunden.
HN-Nutzer xp84 lieferte eine gewohnt direkte Erklärung: “Überlegen Sie doch mal. Alle diese Tracking-Skripte von Drittanbietern werden bereits auf die Seite geladen, bevor Sie das Banner überhaupt zu Gesicht bekommen. Wie soll eine Aktion innerhalb einer Sandbox—meist einer von einem Drittanbieter bereitgestellten Banner-UI—magisch dafür sorgen, dass sich der gesamte andere Code auf der Seite schickt? Es sei denn, die Website hat enormen Aufwand betrieben, um sämtlichen Drittanbieter-Code in das Kontrollsystem des Banners einzubinden. Aber wie sollten Marketingabteilungen, die davon leben, überall Skripte einzufügen, überhaupt über diese technische Fähigkeit verfügen?”
Diese Aussage deckt die größte Täuschung der Cookie-Banner auf: Sie vermittelt Ihnen die Illusion einer Wahlmöglichkeit, aber in Wirklichkeit wurde Ihre Wahl bereits umgangen, bevor das Banner überhaupt erschien.
Ganz zu schweigen davon, dass einige Websites Ihre Entscheidung selbst beim Klick auf “Ablehnen” nicht dauerhaft speichern—sie nutzen ein kurzlebiges Cookie, um die Ablehnung zu vermerken, sodass das Banner wenige Tage später erneut auftaucht.
Die echte Lösung: Der Browser spricht für Sie
Die im Herbst 2025 von der Europäischen Kommission vorgeschlagene Lösung war in ihrer Logik denkbar einfach.
Derzeit übermittelt Ihr Browser bei jedem Besuch einer neuen Website automatisch verschiedene Informationen: Ihre bevorzugte Sprache, Ihre Bildschirmauflösung, Ihre Zeitzone. Das geschieht alles automatisch, ohne dass Sie es jedes Mal neu konfigurieren müssen.
Warum sollte das bei Datenschutzpräferenzen nicht genauso sein? Sie stellen im Browser einmalig “Ich möchte nicht verfolgt werden” ein, und der Browser sendet dieses Signal bei jeder Anfrage automatisch mit—fertig.
Das ist der Kerngedanke von Artikel 88b. Er verpflichtet Websites dazu, vom Browser gesendete automatische Datenschutz-Signale zu respektieren—sogenannte “Browser-Level Consent Signals”.
Abbildung: Funktionsweise von Datenschutz-Signalen auf Browserebene. Quelle: killthecookiebanner.eu
Dieser Vorschlag war weitaus moderater, als viele annehmen. Der Entwurf stellte klar heraus, dass Nutzer weiterhin individuelle Erlaubnisse für bestimmte Websites erteilen können. Zudem waren Medienunternehmen vollständig ausgenommen—sie unterlagen dieser Klausel nicht. Der Kern dieser Reform bestand lediglich darin, die Hürde für “Ablehnen” auf dasselbe Niveau wie für “Akzeptieren” zu senken—derzeit ist der Aufwandsunterschied zwischen beiden gewaltig.
Ein ähnlicher Mechanismus existiert bereits unter dem kalifornischen CCPA-Gesetz namens “Global Privacy Control” (GPC). Browser wie Firefox und Brave unterstützen ihn bereits, aber da in Europa die rechtliche Durchsetzungskraft fehlte, wird er von vielen Websites einfach ignoriert.
Wer blockiert diese Reform?
Warum wurde ein logisch so schlüssiger Vorschlag abgelehnt?
Die Antwort ist einfach: Geld.
Tracking-Werbung ist ein riesiges Geschäft. Google spielt darin eine zentrale Rolle—sein gesamtes Werbemodell basiert darauf, das Nutzerverhalten über Websites hinweg zu verfolgen. Wenn Browser standardmäßig ein “Tracking ablehnen”-Signal senden, würde die überwiegende Mehrheit der Nutzer diese Einstellung niemals ändern, was die Zielgruppe für Tracking-Werbung drastisch einbrechen ließe.
Google veröffentlichte dazu einen Bericht und behauptete, Einwilligungssignale auf Browserebene hätten “erhebliche negative Auswirkungen auf die Online-Werbeeinnahmen”. Sie stellten die Reform als Äquivalent zu einer “pauschalen Ablehnung von Werbe-Tracking” dar.
Die Europäische Kommission und Datenschutzorganisationen hielten dagegen: Erstens bleibe das Recht der Nutzer erhalten, pro Website individuelle Einwilligungen zu erteilen; zweitens seien Nachrichtenmedien ausgenommen. Das Drittanbieter-Tracking würde keineswegs “kollabieren”, wie von Google dargestellt.
Dann nahm die Geschichte eine interessante Wendung. Deutschland und Frankreich—Länder, die sich sonst gerne als strenge Hüter des Datenschutzes inszenieren und auf EU-Ebene regelmäßig für strengeren Datenschutz eintreten—stellten sich dieses Mal auf die Seite der Gegner von Artikel 88b. Als Begründung führten sie “Bürokratieabbau und Entlastung der Verwaltung” an.
Am 18. Juni 2026 wurde Artikel 88b im Positionspapier des Rates der EU offiziell gestrichen.
Max Schrems, Gründer der Datenschutzorganisation noyb, veröffentlichte auf LinkedIn einen von Ironie geprägten Kommentar: “Das kann man sich nicht ausdenken: Google, Deutschland und Frankreich lobbyieren jetzt für den Erhalt von Cookie-Bannern, während die EU-Kommission tatsächlich einen Vorschlag gemacht hatte, sie durch einfache Signale zu ersetzen. Lobbyarbeit gegen den Willen der großen Mehrheit der Wähler—und sie war auch noch erfolgreich.”
Ein System, das bereits ausgehebelt wurde
Das vielleicht Ironischste daran ist, dass die Industrie der Cookie-Banner überhaupt erst aus einer böswilligen Befolgung (Malicious Compliance) der DSGVO hervorgegangen ist.
noyb (None Of Your Business) hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die Tracking-Industrie Cookie-Banner als Mittel erfunden hat, um Nutzer unter dem Vorwand der “informierten Einwilligung” zur Aufgabe ihrer Datenschutzrechte zu bewegen. Das Problem dabei: Wenn ein Banner nur 0.5 Sekunden lang erscheint und Nutzer täglich mit Dutzenden davon bombardiert werden, wird der Begriff “informierte Einwilligung” selbst zu einer Farce.
HN-Nutzer chrismorgan brachte eine interessante rechtliche Perspektive ein: Warum erklärt man nicht einfach, dass “das Anklicken von Kontrollkästchen und Schaltflächen keine informierte Einwilligung darstellt”?
Er führte ein Beispiel aus dem australischen Bundesstaat Victoria an: Dort müssen Mietverträge ein staatlich vorgegebenes Standard-Template verwenden und dürfen nicht frei gestaltet werden. Wenn Cookie-Hinweise ebenfalls in standardisierter Form erfolgen würden—statt dass jede Website ein eigenes Pop-up voller Fallstricke baut—dann erst könnte man von echter “informierter Einwilligung” sprechen.
Doch wie er selbst anmerkte: “Man kann jemanden nicht von etwas überzeugen, wenn sein Lebensunterhalt davon abhängt, es nicht zu verstehen.”
Dieser Kampf ist noch nicht vorbei
Stand Juli 2026 ist Artikel 88b auf der Ebene des Rats der Europäischen Union zwar gestrichen worden, aber noch nicht endgültig tot. Das Europäische Parlament hat noch keine abschließende Entscheidung getroffen. Die Kampagne “Kill The Cookie Banner” ruft Bürger dazu auf, aktiv zu werden und Druck auf ihre jeweiligen EU-Abgeordneten (MEPs) auszuüben.
Sollte Artikel 88b letztlich doch verabschiedet werden, würde er Website-Betreibern eine 24-monatige Übergangsfrist einräumen. Wichtiger ist jedoch der prinzipielle Wandel: Datenschutz sollte kein Recht sein, um das Verbraucher auf jeder einzelnen Website aufs Neue kämpfen müssen—es sollte eine Standardeinstellung sein, die einmalig im Browser festgelegt werden kann.
Die Banner, die jeden Tag auftauchen und Sie nach “Akzeptieren oder Ablehnen” fragen, nutzen im Grunde nur Ihre Ungeduld und Ermüdung aus.
Was “getötet” werden muss, ist das gesamte kommerzielle System, das auf der “Vortäuschung von Einwilligung” aufgebaut ist. Im Vorschlag der EU-Kommission haben wir die Möglichkeit einer einfacheren Alternative gesehen: Ihnen Ihr Datenschutz-Wahlrecht zurückzugeben, verankert im Browser, automatisch wirksam wie Ihre Spracheinstellungen. Google und die Tracking-Industrie setzen alles daran, genau das zu verhindern.
Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung wird bestimmen, wie die Privatsphäre im Internet künftig für alle aussieht—ob wir weiterhin endlosen, als Falle konzipierten Pop-ups ausgesetzt sind oder ob wir es endlich einmal einstellen können und für immer Ruhe haben.
Und genau in diesem Moment wartet auf dem Bildschirm, auf dem Sie diesen Artikel lesen, sehr wahrscheinlich oben rechts ein kleines Pop-up auf Sie. Achten Sie einmal darauf, wo es die Schaltfläche “Ablehnen” versteckt hat.
Referenzlinks:
- Offizielle Website Kill The Cookie Banner
- HN-Diskussion (item?id=49057175)
- Reformvorschlag EU Digital Omnibus
- GDPR Local: Analyse zur Cookie-Banner-Reform
- Secure Privacy: Änderungen an Artikel 88a im Detail