25 Jahre im Voraus bezahlt, per Kündigung gelöscht: Wie VeriSign und ICANN 22.000 .name-Domains vernichten

25 Jahre im Voraus bezahlt, per Kündigung gelöscht: Wie VeriSign und ICANN 22.000 .name-Domains vernichten

Domain-NamenVeriSignICANNInternet-Governance

Quellen:HN + web research

Ein Vierteljahrhundert Geschichte, in wenigen Monaten ausgelöscht

Neil Fraser ist Software-Entwickler bei Google. Im Jahr 2002 registrierte er neil.fraser.name, um sich eine dauerhafte und stabile Präsenz im Internet aufzubauen. Seine persönliche Website, seine primäre E-Mail-Adresse, ein API-Server sowie diverse IoT-Geräte wurden über diese Adresse betrieben. Wenige Minuten nach der Geburt seiner Tochter sicherte er sich zudem beverly.fraser.name. Die Domain-Gebühren bezahlte er vollständig bis zum Jahr 2040 im Voraus.

Ende August 2026 erhielt Fraser eine überraschende Mitteilung seines Registrars: VeriSign habe beschlossen, sämtliche Third-Level-Domain-Dienste unterhalb der Top-Level-Domain .name einzustellen. Sämtliche Adressen unter seinem Namen werden damit im Februar 2027 ungültig. Wie viele Jahre im Voraus bezahlt wurden, spielt dabei keine Rolle – wenn die Vergabestelle den Stecker ziehen will, geschieht dies ohne Widerspruch.

.name-Domain-Kündigungsdiagramm Abb.: Ablaufdiagramm zur Kündigung der Third-Level-Domains von .name. Quelle: Domain Name Wire

Genehmigt, noch bevor die Nutzer informiert wurden

Die Chronologie der Ereignisse offenbart bemerkenswerte Verfahrensmängel. Am 15. April 2026 reichte VeriSign bei der ICANN einen RSEP-Antrag (Registry Services Evaluation Policy) ein. Ziel des Antrags war die vollständige Beseitigung der Third-Level-Struktur von .name, offiziell begründet mit einer „Vereinfachung der Administration“. Die ICANN genehmigte den Schritt am 28. Juli nach nur dreieinhalb Monaten Prüfung. Fraser und zehntausende weitere Domain-Inhaber erfuhren davon erst Ende August über Benachrichtigungen ihrer Registrare.

In dem Dokument behauptete VeriSign gegenüber der ICANN, dass zwar noch rund 22.000 Registrierungen auf dritter Ebene existierten, „viele davon jedoch ungenutzt“ seien. Diese Formulierung diente als zentrale Rechtfertigung für die Vernichtung des gesamten Namensraums. Eine monopolistische Vergabestelle liquidiert 22.000 Registrierungen mit dem pauschalen Argument mangelnder Nutzung – und die ICANN verzichtete darauf nachzuhaken, wie viele Adressen tatsächlich aktiv genutzt werden oder kritische Infrastruktur stützen.

Nach dem Domain-Ausfall droht die Kaperung von E-Mails und Konten

Die Folgen der Abschaltung reichen weit über unerreichbare Webseiten hinaus und stellen ein massives Sicherheitsrisiko dar. Sobald neil.fraser.name erlischt, wird die Second-Level-Domain fraser.name für die allgemeine Registrierung freigegeben. Jeder beliebige Dritte könnte sich fraser.name für wenige Dollar sichern und daraufhin die E-Mail-Adresse neil.fraser.name neu anlegen.

Fällt die E-Mail-Adresse in fremde Hände, kann ein Angreifer über die Funktion „Passwort vergessen“ systematisch alle damit verknüpften Konten übernehmen: Entwickler-Zertifikate, Cloud-Management-Konsolen, Server-Zugänge und IoT-Verwaltungen stünden offen. Fraser räumte selbst ein, dass es ihm unmöglich sei, sämtliche Dienste und Accounts aufzuzählen, die er im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts mit dieser Adresse verknüpft hat. Die Angriffsfläche ist so immens, dass selbst der Betroffene sie nicht mehr überblicken kann.

Berichterstattung zur Domain-Registrierungshierarchie Abb.: Domain-Registrierungssystem und Berichterstattung zur TLD .name. Quelle: NameOcean

Machbare Vorschläge der Community von VeriSign ignoriert

In Entwickler-Foren wie Hacker News und Lobsters kristallisierte sich rasch ein pragmatischer Konsens heraus: Ein Registrierungsstopp für Neukunden bei gleichzeitigem Bestandsschutz für Altnutzer, kombiniert mit dem Recht für alleinige Third-Level-Inhaber, auf die entsprechende Second-Level-Domain aufzusteigen. Eine solche Lösung wäre technisch trivial und mit minimalem Aufwand umsetzbar. Betroffene Nutzer berichteten jedoch, dass sie VeriSign über 15 Jahre hinweg wiederholt um eine solche Umstellung gebeten hatten – VeriSign lehnte dies stets kategorisch ab.

Die Community vermutet handfeste kommerzielle Interessen hinter dem Vorgehen. Die Third-Level-Architektur von .name führte historisch zu Kollisionen zwischen Adressen wie john.doe.name und john-doe.name. Durch das Kahlschlagen der dritten Ebene erhält VeriSign die Möglichkeit, frei gewordene begehrte Second-Level-Domains als lukrative Premium-Domains zu vermarkten. Auf dem Papier heißt es „administrative Vereinfachung“, doch wer von diesem Schritt profitiert, liegt auf der Hand.

ICANN genehmigt das Aus und empfiehlt Abweisung von Beschwerden

Ein betroffener Domain-Inhaber hat inzwischen bei der ICANN einen förmlichen Überprüfungsantrag (Reconsideration Request) eingereicht. Die offizielle Empfehlung des ICANN-Personals lautet jedoch: Abweisung.

Die Machtverhältnisse im Domain-System treten hier ungeschminkt zutage: VeriSign agiert als Monopolist, die ICANN winkt die Wünsche der Registry durch, und die Registrare fungieren lediglich als Boten für Kündigungsschreiben. Das einzige rechtliche Instrument der Nutzer, der Überprüfungsantrag, soll von der ICANN-Bürokratie im Keim erstickt werden. Ein bis 2040 im Voraus bezahlter Vertrag entfaltet in diesem Gefüge keinerlei Schutzwirkung. Rechtlich gesehen handelt es sich bei einer Domain-Registrierung nicht um Eigentum, sondern um ein Mietverhältnis: Die Registry ist der Vermieter, die ICANN die Hausverwaltung, und die Mieter besitzen nicht einmal eine Interessengemeinschaft.

Die eigene Domain war nie echtes Eigentum

Frasers Erfahrung deckt eine fundamentale Wahrheit auf, die von vielen Entwicklern verdrängt wurde: Registranten besitzen an ihren Domains kein Eigentum, sondern lediglich eine widerrufliche Nutzungslizenz. In den Registrierungsbedingungen war das Recht der Vergabestelle auf Kündigung stets verankert. Über 25 Jahre lang machte niemand davon Gebrauch – bis heute. VeriSign schafft Fakten, die ICANN leistet die Unterschrift, und 22.000 Domains werden im Februar 2027 unwiderruflich gelöscht, ungeachtet aller Vorauszahlungen. Im Domain Name System war das angebliche „Eigentum“ immer nur eine Leihgabe der Registry. Und eine Leihgabe kann der Eigentümer jederzeit nach Belieben zurückfordern.

Referenzen:

  • Neil Fraser’s News
  • Domain Name Wire
  • Domain Incite
  • HN-Diskussion (item?id=49550772)