An einem Nachmittag Ende Juni 2026 waren die Abflughallen des Londoner Flughafens Heathrow mit gestrandeten Passagieren überfüllt. Auf den Anzeigetafeln leuchteten die Flugstatusanzeigen fast durchgehend rot. Innerhalb von nur zwei Tagen zwangen heftige Gewitter die Flugsicherung zu massiven Einschränkungen des Luftraums. Allein an den Flughäfen Heathrow und Gatwick fielen über 900 Flüge aus oder verspäteten sich drastisch.
Viele Reisende hielten dies für ein vorübergehendes Sommerunwetter, nach dessen Abzug sich der Betrieb rasch wieder normalisieren würde. Der ehemalige Verkehrspilot Tim Atkinson warnte jedoch vor weitreichenden Folgen. Wenn schwere Stürme mehrere Flughäfen einer Metropolregion gleichzeitig erfassen, könne das gesamte Flughafensystem schlagartig kollabieren – mit dem lebensgefährlichen Risiko, dass kreisende Flugzeuge in der Luft ihren Treibstoff aufbrauchen.
Hinter dem wachsenden Reisechaos steht die unnachgiebige Physik der Atmosphäre: Die globale Erwärmung verändert Höhenströmungen und Feuchtigkeitsmuster und treibt das präzise getaktete globale Luftverkehrsnetz in eine chronische Überlastung.
Abb.: Schwere Gewitter führen zu massiven Flugverspätungen. Quelle: BBC
Jedes Grad Erwärmung erhöht den Wasserdampf der Atmosphäre um 7 Prozent
Mit jedem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 1 °C steigt die Fähigkeit der Atmosphäre, Wasserdampf aufzunehmen, um rund 7 Prozent.
Ein Zuwachs von 7 Prozent mag moderat klingen, verwandelt die obere Troposphäre in der Praxis jedoch in ein gewaltiges Wasserreservoir. Enorme Feuchtigkeitsmengen strömen in Gewitterwolken (Cumulonimbus – gewaltige, durch Wärme und Feuchtigkeit aufsteigende Wolkentürme mit extremen Auf- und Abwinden sowie Blitzen) und verstärken die Zerstörungskraft von Starkregen und Gewittern dramatisch. Das britische Met Office betont, dass zwar die Gesamtzahl der Gewittertage pro Jahr nicht zwangsläufig explodieren müsse, die Wucht der einzelnen Unwetter jedoch drastisch zunimmt.
Abb.: Starkregen erschwert Starts und Landungen von Verkehrsflugzeugen erheblich. Quelle: VCG via Getty/BBC
Früher konnten Piloten lokale Gewitterzellen meist mit kleinen Kurskorrekturen umfliegen. Heute erreichen die mit Wasserdampf vollgesogenen Cumulonimbus-Formationen enorme Höhen und Breiten und verschmelzen zu geschlossenen Wolkenwänden, die reguläre Flugkorridore komplett versperren. Müssen Fluglotsen aus Sicherheitsgründen die zeitlichen Abstände zwischen Starts und Landungen vergrößern, pflanzen sich die Verspätungen wie Dominosteine über das gesamte Streckennetz fort.
Für Radar unsichtbar: Klarluftturbulenzen nehmen drastisch zu
Noch heimtückischer als sichtbare Gewitterfronten sind Luftwirbel, die im scheinbar wolkenlosen Himmel lauern: die sogenannten Klarluftturbulenzen (Clear-Air Turbulence, CAT). Diese schweren Erschütterungen treten ohne jegliche Wolkenbildung auf und lassen sich weder mit dem bloßen Auge noch mit herkömmlichem Bordradar erkennen.
Klarluftturbulenzen entstehen an den Scherungszonen starker Höhenstrahlströme (Jetstreams) in Reiseflughöhen von etwa 10.000 Metern, wo Luftschichten mit stark unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Temperaturen aufeinandertreffen. Ein Forschungsteam um den Meteorologen Paul Williams an der Universität Reading analysierte Flugrouten- und Atmosphärendaten seit 1979. Sie stellten fest, dass schwere Klarluftturbulenzen auf der vielbeflogenen Nordatlantikroute um 55 Prozent zugenommen haben. Klimamodelle prognostizieren für die kommenden Jahrzehnte eine Verdopplung schwerer Turbulenzen auf mehreren interkontinentalen Flugkorridoren.
Abb.: Zunehmende Instabilitäten im Jetstream verschärfen das Risiko von Turbulenzen. Quelle: AFP via Getty/BBC
Die Auswirkungen auf Passagierkabinen sind oft verheerend. Im März 2023 geriet eine Passagiermaschine der Lufthansa in 37.000 Fuß Höhe unvermittelt in schwere Klarluftturbulenzen. Das Flugzeug sackte binnen Sekunden abrupt ab, wodurch unangeschnallte Fluggäste und Gegenstände gegen die Kabinendecke geschleudert wurden. Sieben Personen mussten nach einer Notlandung in Washington ins Krankenhaus eingeliefert werden. In 10.000 Metern Höhe ist ein ruhiger Flug keine Selbstverständlichkeit mehr – schwere Erschütterungen entwickeln sich zum neuen Normalzustand.
Der Meeresspiegel erreicht die Landebahnen: 269 Flughäfen von Überflutung bedroht
Während die Atmosphäre in der Höhe immer unberechenbarer wird, geraten auch die Rollfelder am Boden unter Druck. Um Anbindungen an See- und Landverkehr zu erleichtern und flaches Gelände zu nutzen, wurden viele internationale Drehkreuze in tief liegenden Küstengebieten errichtet.
Eine Analyse von Wissenschaftlern der Universität Newcastle ergab, dass weltweit bereits 269 Verkehrsflughäfen durch Sturmfluten und Überschwemmungen bedroht sind. Bedeutende Luftfahrtknotenpunkte wie Amsterdam Schiphol, London City und Newark Liberty operieren an vorderster Front dieser Risikozonen. Der Bau von Deichen und Schutzwehren gegen Sturmfluten könnte bis zu 57 Milliarden US-Dollar kosten – eine Summe, mit der sich fast zehn Großflughäfen von Grund auf neu errichten ließen.
Abb.: Seltene Rekordregenfälle setzten Start- und Landebahnen unter Wasser und legten Flughäfen lahm. Quelle: AFP via Getty/BBC
Wird der Hochwasserschutz erst einmal durchbrochen, ist der Kollaps unvermeidlich. Im April 2024 überfluteten historische Rekordregenfälle den Flughafen Dubai. Überflutete Pisten zwangen den Flughafen zur Schließung, mehr als 1.200 Flüge wurden gestrichen, und der Betrieb stand zwei Tage lang still. 2012 setzte Hurrikan Sandy die Start- und Landebahnen des New Yorker Flughafens LaGuardia tagelang unter Meerwasser. Statistische Auswertungen zeigen, dass sogenannte 500-jährige Flutkatastrophen in der Region New York heute etwa alle 25 Jahre auftreten – bis zur Mitte dieses Jahrhunderts könnte sich dieses Intervall auf alle 5 Jahre verkürzen.
Erschöpfte Puffer in der Luft und am Boden: Verspätungen werden zur neuen Realität
Die Luftfahrtindustrie sieht den wachsenden Wetterextremen nicht tatenlos zu. Um bei schwierigen Wetterlagen die Kapazität zu sichern, führten die Flughäfen Heathrow und Gatwick dynamische Abstandssysteme ein (Time-Based Separation / Dynamic Spacing). Diese berechnen den sicheren Landeabstand zwischen Maschinen anhand von Echtzeit-Gegenwindmessungen und Wirbelschleppen-Modellen anstelle starrer Entfernungsabstände. Durch diese Algorithmen versuchen die Fluglotsen, wertvolle Minuten gutzumachen.
Der frühere Luftfahrtmanager Andrew Charlton gibt jedoch zu bedenken, dass ein vollständiger Stillstand von Drehkreuzen zwar relativ selten bleibe, Reisende sich jedoch auf deutlich mehr Unruhe und Verzögerungen einstellen müssten. Algorithmen und verbesserte Abfertigungstechniken können zwar wertvolle Sekunden herausholen, die großräumige Destabilisierung des globalen Klimasystems vermögen sie jedoch nicht aufzuwiegen.
Die wichtigsten Flugkorridore und Drehkreuze der Erde arbeiten bereits heute an ihrer absoluten Kapazitätsgrenze; betriebliche Reserven existieren praktisch nicht mehr. Der Wasserdampf in den Höhen nimmt zu, Klarluftturbulenzen häufen sich, und Flugpläne, die auf dem stabilen Klima des vergangenen Jahrhunderts aufbauten, verlieren ihre Gültigkeit. Für Passagiere bedeutet das: Mehr Zeitpuffer bei Reisen einzuplanen und die Sicherheitsgurte während des gesamten Fluges geschlossen zu halten, ist im neuen Klimazeitalter zur unverzichtbaren Grundregel geworden.
Referenzen:
- BBC InDepth: “Aviation faces hotter, stormier skies – and passengers might have to accept more disruption”