Nach dem Hurrikan steht nur noch dieses eine Haus
Im Jahr 2018 verwüstete Hurrikan Michael die Stadt Mexico Beach in Florida fast vollständig. Inmitten der Trümmerlandschaft blieb jedoch eine Strandvilla namens „Sand Palace“ völlig unversehrt stehen. Der Bauherr hatte die Windschutzstandards beim Bau doppelt so hoch angesetzt wie vorgeschrieben: Die Wände bestanden komplett aus Stahlbeton, und das Fundament reichte 12 Meter tief in den Sand.
Wenn in einer ganzen Straße die Dächer abgedeckt werden, bedeutet eine intakte Hauswand für die Bewohner den Unterschied zwischen Leben und Tod. Allerdings lagen die Baukosten dieses Hauses knapp 20 % höher. Daraus ergibt sich eine paradoxe Frage: Kann ein Gebäude mit so viel CO2-intensivem Baumaterial überhaupt als „grün“ bezeichnet werden?
Abb.: Einzelfähige Stelzenhäuser überstehen 2024 Trümmerfelder nach Hurrikan Helene in Florida. Quelle: Chandan Khanna/AFP via Getty Images
Zertifikate ignorieren Katastrophenrisiken
Die gängige Kennzahl zur Messung der Umweltfreundlichkeit eines Gebäudes ist sein CO2-Fußabdruck – also die Treibhausgasemissionen von der Herstellung bis zum Abriss. Nach diesem Kriterium schneidet der stahl- und betonintensive „Sand Palace“ schlecht ab und hinkt hinter leichtbauenden Energiesparhäusern hinterher. Internationale Standards wie LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) bewerten vor allem statische Kriterien zum Zeitpunkt der Fertigstellung.
Eine neue Studie in einer Springer-Fachzeitschrift stellt diese Betrachtung jedoch infrage. Die Forscher betonen: Ein grünes Gebäude muss lange genug halten, damit sich die anfänglichen CO2-Einsparungen überhaupt auszahlen. Bisherige Bewertungssysteme benoten Häuser am Tag der Übergabe – und tun so, als gäbe es keine Naturkatastrophen.
Eine Überschwemmung zunichte macht zehn Jahre CO2-Einsparungen
Wird ein leicht gebautes Haus durch eine Überschwemmung zerstört oder brennt bei einem Waldbrand nieder, beginnt eine massive neue Emissionswelle. Schweres Gerät muss eingesetzt werden, um die Trümmer zu beseitigen. Der Wiederaufbau am selben Ort verschlingt erneut Baumaterialien und Transportenergie. In kurzer Zeit schnellen die Treibhausgase drastisch in die Höhe.
Die über Jahre hinweg durch LED-Lampen und Wärmedämmung mühsam eingesparten Emissionen werden durch die CO2-Kosten des Wiederaufbaus im Nu zunichtegemacht. Ein Gebäude, das nach einer Katastrophe neu errichtet werden muss, verursacht über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg weit mehr Emissionen als das, was anfänglich durch „ökologisches“ Leichtbauen eingespart wurde.
Abb.: Kuppelhäuser in Florida überstanden 2004 Hurrikan Ivan, während benachbarte Häuser schwere Schäden erlitten. Quelle: Stephen Morton/Getty Images
Hochwasserschutz amortisiert sich in nur zwei Jahren
Das Forschungsteam berechnete die Bilanz von Küstenschutzanlagen in Katalonien, Spanien. Der Bau von Deichen und Schutzmauern verursacht in der Anfangsphase zwar erhebliche Emissionen. Doch jedes Mal, wenn eine Überschwemmung verhindert wird, spart dies rund 58 Tonnen CO2-Äquivalent ($\text{CO}_2\text{e}$) ein – was dem Jahresausstoß von 12 herkömmlichen Benzin-Pkw entspricht.
Auf eine Nutzungsdauer von 25 Jahren hochgerechnet, kompensieren die vermiedenen Wiederaufbaustromer die beim Bau der Schutzanlagen entstandenen Emissionen bei Weitem. Finanziell amortisieren sich solche Hochwasserschutzbauten bereits nach etwa zwei Jahren. Auf lange Sicht ist bauliche Widerstandsfähigkeit die effektivste Form der Energieeinsparung.
Versicherungen rechnen genauer als Zertifizierer
In herkömmlichen CO2-Bilanzen werden drei entscheidende Ausgabenposten übersehen: Erstens die Umweltverschmutzung durch Notstromaggregate während eines Gebäudeausfalls; zweitens das Material, das für nachträgliche Reparaturen und Versteifungen benötigt wird; und drittens die Vermeidung von Wiederaufbaumüll, die bisher nicht als Umweltbonus angerechnet wird.
Was Zertifizierungsstellen ignorieren, kalkulieren Versicherungsgesellschaften präzise. Sie bepreisen Risiken auf Basis der realen Gefahren über die gesamte Policenlaufzeit. In den USA erhalten Hausbesitzer, deren Dächer sturmfest nachgerüstet wurden, Rabatte von 20 % bis 30 % auf ihre Hurrikan-Versicherungsprämien.
Ingenieure wissen längst, wie man sturmfeste Gebäude baut. Was wir jetzt brauchen, ist ein verbindlicher Konsens, dass Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit Vorrang haben. Die wahre Umweltbilanz eines Gebäudes zeigt sich erst im Katastrophenfall – denn ein zerstörtes Haus, das wieder aufgebaut werden muss, verbraucht am Ende weitaus mehr Ressourcen als eines, das von Anfang an stabil gebaut wurde.
Referenzlinks:
- The Conversation Kommentarartikel
- Springer Fachzeitschriften-Studie
- Katalonien Hochwasserschutz-Fallstudie