Millionen älterer Menschen lassen sich gegen Gürtelrose impfen, um den qualvollen, brennenden Bläschen an Rumpf oder Gesicht zu entgehen. Eine am 26. August 2026 im Fachjournal Nature Medicine veröffentlichte Studie wartet nun mit einer überraschenden Nachricht auf: Die Impfung gegen den Hautausschlag wirkt offenbar wie ein unerwarteter Schutzschild für das Herz-Kreislauf-System. Ein Forscherteam der Universität Oxford wies nach siebenjähriger Beobachtung nach, dass Empfänger eines modernen rekombinanten Impfstoffs ein signifikant geringeres Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle aufweisen.
Im Zentrum der Untersuchung steht der rekombinante Gürtelrose-Impfstoff Shingrix, der auf gentechnisch hergestellten Proteinen basiert. Er zielt auf das Varizella-Zoster-Virus (VZV) ab – jenen Erreger, der in der Kindheit Windpocken verursacht und sich danach lebenslang in den Nervenknoten des Körpers einnistet. Bislang schätzte man das Vakzin vor allem zur Vorbeugung schmerzhafter Nerven- und Hautleiden; dass seine Schutzwirkung bis in die Blutgefäße reicht, galt lange als Spekulation.
Abbildung: Science News berichtet über den potenziellen kardiovaskulären Schutz durch Gürtelrose-Impfstoffe. Quelle: Science News / Meghan Rosen
Politischer Systemwechsel eliminiert Verzerrungen bei 36.000 Patientenpaaren
Beobachtungsstudien stehen häufig vor einem methodischen Dilemma: Menschen, die sich aktiv impfen lassen, achten meist generell besser auf ihre Gesundheit und pflegen einen gesünderen Lebensstil. Dieser sogenannte “Healthy-User-Bias” erschwert den Nachweis, ob ein positiver Effekt auf die Impfung selbst oder auf gesunde Lebensgewohnheiten zurückzuführen ist. Das Team um den Oxforder Datenwissenschaftler Maxime Taquet nutzte einen historischen gesundheitspolitischen Umstieg, um dieses Problem elegant zu lösen.
Im Herbst 2017 stellten die US-Gesundheitsbehörden die Impfstrategie um: Der bisherige Lebendimpfstoff Zostavax wurde ausgemustert und flächendeckend durch den wirksameren rekombinanten Totimpfstoff Shingrix ersetzt. Die Oxforder Forscher analysierten elektronische Patientenakten und verglichen 36.460 Personen, die zwischen April und September 2017 den alten Impfstoff erhalten hatten, mit exakt 36.460 Personen, die zwischen April und September 2018 mit dem neuen Vakzin geimpft wurden. Beide Kohorten hatten sich aus eigenem Antrieb impfen lassen – der einzige Unterschied lag im halbjährigen Zeitfenster, das über den verabreichten Impfstoff entschied.
Mittels statistischem Propensity-Score-Matching glichen die Forscher beide Gruppen hinsichtlich Alter, Vorerkrankungen und Arztbesuchen nahezu perfekt ab. Dieses quasiexperimentelle Design erreichte die Aussagekraft einer randomisierten Studie und schaltete Lebensstilfaktoren als Störgrößen weitgehend aus.
Abbildung: Studiendesign zum Impfstoffwechsel und Kurven der kumulativen Siebenjahres-Inzidenz aus der Nature-Medicine-Publikation. Quelle: Nature Medicine
Sieben Jahre Beobachtung: 13 kardiovaskuläre Krisen weniger pro 1.000 Geimpfte
Die Siebenjahresdaten belegen eine spürbare Entlastung: In der Gruppe mit dem neuen rekombinanten Impfstoff sank die Gesamtrate kardiovaskulärer Ereignisse um 9 Prozent. Im Detail ging das Risiko für ischämische Herzkrankheiten um 10 Prozent und für Herzinsuffizienz um 12 Prozent zurück. Bei Männern sank das Risiko für ischämische Schlaganfälle um 12 Prozent, während Vorhofflimmern um 7 Prozent seltener auftrat.
Taquet übersetzte diese Prozentwerte in anschauliche Zahlen: Über den Siebenjahreszeitraum erlitten in der Zostavax-Gruppe 109 von 1.000 Personen ein kardiovaskuläres Ereignis; in der Shingrix-Gruppe waren es lediglich 96. Auf 1.000 Geimpfte bezogen blieben somit 13 Personen von schweren Herz-Kreislauf-Krisen verschont. Angesichts einer Kohortengröße von über 72.000 Patienten besitzen die Ergebnisse eine hohe statistische Belastbarkeit.
Zusätzliche Sensitivitätsanalysen zeigten, dass ein unberücksichtigter Störfaktor das Risiko um das 1,42-Fache verzerren müsste, um den beobachteten Schutzeffekt zu neutralisieren – ein äußerst unwahrscheinliches Szenario, das die Zuverlässigkeit der Daten untermauert.
Unterdrückung schlummernder Viren dämpft chronische Gefäßentzündungen
Wie kann ein Impfstoff gegen Hautausschlag das Herz schützen? Die Antwort liegt in der Biologie des Erregers. Nach einer überstandenen Windpocken-Infektion verbleibt das Varizella-Zoster-Virus dauerhaft inaktiv in den sensorischen Nervenknoten von Rückenmark und Gehirn.
Lässt die Immunabwehr im Alter nach, reaktiviert sich das Virus und wandert entlang der Nervenbahnen in die Haut. Wenn das Virus in der Nähe von Nerven und feinen Blutgefäßen aufflammt, schädigt es nicht nur Hautzellen, sondern reizt auch das Gefäßendothel und befeuert chronische Entzündungsprozesse im gesamten Gefäßsystem. Diese systemische Entzündung beschleunigt Arteriosklerose, fördert die Bildung von Blutgerinnseln und erhöht so das Risiko für Infarkte und Schlaganfälle drastisch.
Der moderne rekombinante Impfstoff erzeugt eine wesentlich stärkere und langanhaltendere Immunantwort, die das schlummernde Virus dauerhaft im Ruhezustand hält. Indem er die Reaktivierung des Virus blockiert, dämmt er gleichzeitig die chronische Entzündung der Gefäßwände ein – ein biologischer Löscheffekt, der das Aufbrechen von Plaques und Gefäßverschlüsse verhindert.
Hoffnung auf Bestätigung durch klinische Studien
Der kardiovaskuläre Zusatzeffekt ist kein Einzelfall in der Vakzinologie: Frühere Studien zeigten bereits, dass Grippe- oder Pneumokokken-Impfungen bei Senioren akute Herzinfarkte reduzieren können. 2025 wiesen Forscher der Stanford University zudem nach, dass die Gürtelrose-Impfung mit einem um 20 Prozent reduzierten Demenzrisiko einhergeht – ein Befund, den Taquets Team 2024 speziell für den rekombinanten Impfstoff untermauerte.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache. Selbst eine Risikoreduktion im einstelligen Prozentbereich kann, hochgerechnet auf Millionen ältere Menschen, zehntausende Leben retten. Taquet bezeichnete den Zusatzeffekt als außerordentlich ermutigend. Sollten künftige randomisierte klinische Studien den kausalen Zusammenhang untermauern, könnte dies die Impfempfehlungen weltweit nachhaltig verändern.
Der rekombinante Gürtelrose-Impfstoff schützt somit nicht nur die Nerven und die Haut, sondern entlastet durch die Dämpfung chronischer Gefäßentzündungen auch das Herz. Diese auf realen Patientendaten basierende Entdeckung eröffnet vielversprechende neue Perspektiven in der kardiovaskulären Prävention.
Referenzen:
- Science News Bericht
- Nature Medicine Studie