149 Jahre altes Uhrwerk läuft tadellos: Was die Restauratoren stoppte, war eine Platine von 2001

149 Jahre altes Uhrwerk läuft tadellos: Was die Restauratoren stoppte, war eine Platine von 2001

Reverse EngineeringHardware-ReparaturTechnik-Archäologie

Quellen:HN + Web-Recherche

In Portobello, einem Küstenort bei Edinburgh in Schottland, gelang der örtlichen Gemeinschaft kürzlich ein bemerkenswerter Erfolg: Mit Unterstützung des Scottish Land Fund kaufte die Bürgerorganisation Action Porty die historische, 1877 errichtete Polizeistation des Ortes. Das ehrwürdige Steingebäude blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Ursprünglich als Rathaus und Gerichtssitz des eigenständigen Bezirks Portobello erbaut, diente es nach der Eingemeindung nach Edinburgh zunächst als öffentliche Bibliothek und später als Polizeirevier.

Dutzende freiwillige Helfer rückten mit Werkzeugkisten an, um in den 1970er-Jahren eingezogene Styropor-Deckenplatten und vergilbte Raufasertapeten zu entfernen und den ursprünglichen Charakter des viktorianischen Baus freizulegen. Mitten in den arbeitsintensiven Renovierungsarbeiten tauchte im obersten Stockwerk jedoch ein technisches Problem auf, das alle Beteiligten ratlos zurückließ: Niemand wusste, wie man die Uhrzeit der markanten Turmuhr verstellt. Action Porty startete daraufhin einen öffentlichen Aufruf im Internet, um Fachleute zu finden, die Portobello wieder zu einem pünktlichen Glockenschlag verhelfen konnten.

Als hilfsbereite Ingenieure mit Vielfachmessgeräten im Gepäck die steilen Leitern in den staubigen Dachboden erklommen, trafen sie keineswegs auf rostige oder blockierte Zahnräder. Was die Instandsetzung tatsächlich lahmlegte, war eine um das Jahr 2001 nachgerüstete elektronische Blackbox, für die weder Schaltpläne noch Handbücher existierten.

Außenansicht der Polizeistation Abb.: Außenansicht der 1877 erbauten alten Polizeistation in Portobello. Quelle: pointinthecloud.com

149 Jahre alte Zahnräder: Eine Sperrklinke genügt zum Einstellen der Uhrzeit

Ein Blick in das Innere des Uhrenturms offenbarte ein mechanisches Uhrwerk aus dem Jahr 1877, das nach bestechender physikalischer Logik konstruiert ist. Ein kleiner Elektromotor treibt eine Reihe mächtiger Zahnräder an, die eine zentrale Hauptwelle in Bewegung setzen. Diese dreht sich exakt einmal pro Stunde. Von dort verzweigt sich die Welle mechanisch in drei Richtungen, um die Minutenzeiger der drei äußeren Zifferblätter direkt zu steuern. Hinter jedem Zifferblatt leitet ein Untersetzungsgetriebe die jeweilige Position des Stundenzeigers ab.

Die Uhrmacher des 19. Jahrhunderts hatten die Bedienungsanleitung direkt in das Metall gegossen. Um die Uhrzeit zu verstellen, musste man lediglich eine Sperrklinke an einem der Hauptzahnräder anheben. Sobald sie gelöst war, ließ sich die gesamte Welle von Hand ohne jeden Widerstand drehen. Selbst nach fast anderthalb Jahrhunderten mechanischer Reibung blieb das Funktionsprinzip des Antriebs unmittelbar verständlich.

Das Einstellen der Zeiger im engen Gebälk führte allerdings zu einer kurzen Schrecksekunde: Als die Ingenieure die Hauptwelle drehten, blickten sie durch das Zifferblattglas und dachten erschrocken, die Zeiger draußen würden rückwärtslaufen. Erst nachdem sie die Leitern hinabgestiegen waren und auf der Straße standen, wurde ihnen der Denkfehler bewusst: Sie hatten von hinten durch das Zifferblatt nach draußen geschaut. Um die Uhr von innen heraus präzise zu stellen, war räumliches Vorstellungsvermögen gefragt: Anhand der sichtbaren internen Gegengewichte mussten sie ableiten, auf welche Ziffer der unsichtbare Zeiger auf der Außenseite wies.

Uhrwerk im Turm Abb.: Das Uhrwerk im Turm, das die drei Zifferblätter antreibt. Quelle: pointinthecloud.com

Die Platine aus dem Jahr 2001: Wenn Systemlogik zur Blackbox wird

Während das rein mechanische Gehwerk tadellos funktionierte, lag das Problem in den später hinzugefügten Hilfssystemen. Als die Ingenieure den Leitungen des Schlagwerkmechanismus folgten, stießen sie auf einen grauen Steuerkasten, der in den Hauptstromkreis eingeschleift war.

Nach dem Öffnen des Gehäuses kam eine Leiterplatte zum Vorschein, auf der ein PIC-16F628-Mikrocontroller mit einem Date-Code aus dem Jahr 2001 saß. Umgeben war der Chip von Relais, Netzteilmodulen und einer Ladeschaltung für eine Puffer-Bleibatterie. Nach fast einem Vierteljahrhundert im Dauereinsatz trug die Platine weder Typenbezeichnungen noch Herstellermarkierungen, und schriftliche Unterlagen gab es nicht. Der Autor des ursprünglichen Blogberichts fragte sich zu Recht: Handelt es sich hierbei um ein Serienprodukt von der Stange oder um eine maßgeschneiderte Einzelanfertigung für diese Turmuhr? Niemand wusste es.

Wenn ein Zahnrad aus Messing von 1877 Schaden nimmt, erkennt jeder geübte Mechaniker auf Anhieb, wie Drehmomente und Kräfte fließen. Wenn jedoch die Softwarelogik verloren geht, die vor 25 Jahren in einen Mikrocontroller geflasht wurde, ist sie unweigerlich verschwunden. Eine Status-LED auf dem Steuerkasten blinkte in einem rätselhaften Muster aus langen und kurzen Intervallen, das niemand entschlüsseln konnte. Ohne Schaltpläne wandelte sich die Wartung schlagartig in Technik-Archäologie.

Steuerplatine Abb.: Die unbeschriftete Steuerplatine mit dem Mikrocontroller von 2001 im Uhrenturm. Quelle: pointinthecloud.com

Erst nach Sekunden schlägt die Glocke: Dem Verhalten durch Ausprobieren auf die Spur kommen

Da es vor Ort unmöglich war, die Firmware aus dem versiegelten Chip auszulesen, blieb den Ingenieuren nur die Methode aus Messungen und beharrlichem Ausprobieren. Beim Nachverfolgen der Verdrahtung stellten sie fest, dass das Steuergerät über keinen eigenen Echtzeituhr-Chip (RTC) verfügte; sämtliche Auslöseimpulse stammten von einem mechanischen Schalter an der Hauptwelle, der zur vollen Stunde betätigt wird.

Schließt der Schalter zur vollen Stunde den Kontakt, schaltet die Box einen 230-Volt-Motor ein, der das Schlagwerk in Gang setzt. Erst wenn ein weiterer mechanischer Schalter am Schlagwerk die Anzahl der ausgeführten Schläge zurückmeldet, schaltet der Mikrocontroller den Motorstrom wieder ab. Das System besaß kein abstraktes Zeitverständnis, sondern lediglich einen internen Stundenzähler, der mechanisch mitgetaktet wurde.

Die einzige Benutzerschnittstelle am Gehäuse bestand aus einem unauffälligen Taster mit der Aufschrift „advance“. Ein einfacher Druck bewirkte zunächst gar nichts. Erst nach zahllosen Versuchen erschloss sich die eigenwillige Logik: Der Taster musste mehrere Sekunden lang gedrückt gehalten werden. Erst beim Loslassen schlug die Glocke einmal an; erneutes Halten und Loslassen erhöhte den internen Stundenzähler um eins. Die einzige Möglichkeit, den Stundenschlag mit der Zifferblattanzeige abzugleichen, bestand also darin, blind vor der Box zu verharren, die Taste zu halten, das Ausklingen des Schlags abzuwarten und diesen Vorgang zu wiederholen, bis die Schlagzahl exakt mit der aktuellen Uhrzeit übereinstimmte.

Staubige Dachböden und Erklärungsbedarf an der Sicherheitskontrolle

Die Instandsetzung alter öffentlicher Infrastruktur bedeutet nicht nur den Kampf gegen technologische Generationsbrüche, sondern auch gegen widrige physische Bedingungen. Als einige Bürger die zahllosen Bohrungen in der Dachbodendiecke erblickten, befürchteten sie Instabilitäten im Gebälk. Erfahrene Denkmalschützer gaben jedoch umgehend Entwarnung: Die Löcher rührten von der Befestigung früherer Deckenplatten an der Unterseite der Sparren her, während die eigentlichen Dachbodenbretter auf der Oberseite ruhten und statisch völlig unberührt blieben.

Solche staubigen, abgeschlossenen Hohlräume können Ingenieuren zudem unerwartete Unannehmlichkeiten bereiten. In der anschließenden Online-Diskussion erinnerte sich ein Entwickler an einen ähnlichen Einsatz auf dem verstaubten Dachboden einer alten Kirche. Nach der Überprüfung von Funkanlagen fuhr er direkt zum Flughafen. Bei der Sicherheitskontrolle schlug der Wischtest auf Explosivstoffe mehrfach Alarm – das Gepäckstück musste aufwendig nachkontrolliert werden, und er verpasste fast seinen Flug.

Die an Flughäfen eingesetzten Sprengstoffspurendetektoren (ETD) basieren auf Ionen-Mobilitäts-Spektrometrie (IMS). Sie reagieren extrem sensibel und weisen eine entsprechende Fehlalarmquote auf. Die Detektoren schlagen lediglich auf bestimmte ionische Fragmente an – etwa Nitrate oder Glyzeringruppen, wie sie in jahrzehntealtem Mörtelstaub, Düngemitteln oder Reinigungsmitteln vorkommen –, was keineswegs den tatsächlichen Nachweis von Sprengstoff bedeutet. Die wiederholten Abstriche dienen dazu, Sensorrückstände abzubrennen und Fehlalarme auszuschließen, anstatt krampfhaft „so lange zu testen, bis das Ergebnis passt“.

Undokumentierte Umbauten: Gefährlicher als mechanischer Verschleiß

Nach einem arbeitsreichen Nachmittag schlug der Zeiger um 16:00 Uhr schließlich viermal laut und rein. Der Ingenieur schlug scherzhaft vor, die Glocke dreizehnmal schlagen zu lassen, um den berühmten Eröffnungssatz aus George Orwells Roman 1984 nachzustellen, doch die Anwesenden lehnten lachend ab. Aus Rücksicht auf die Nachtruhe der umliegenden Anwohner entschloss sich das Team am Ende, die Stromzufuhr zum Schlagwerkmotor vorerst wieder abzuklemmen.

Nachdem die Zeiger nun wieder pünktlich ihre Runden drehten, saß die Gruppe im Pub auf der gegenüberliegenden Straßenseite bei Bier und Burgern zusammen und spann Ideen für künftige Modifikationen: Das Schlagwerk könnte mit der Türklingel gekoppelt oder die alten Leuchtstoffröhren durch programmierbare LED-Lichtbänder ersetzt werden, um das Zifferblatt an Feiertagen bunt zu illuminieren.

Der Fall der Turmuhr von Portobello veranschaulicht den tiefen Bruch zwischen den Technologie-Epochen: Wie lange ein System überdauert, hängt nicht davon ab, ob sein Trägermedium aus Messing oder Silizium besteht, sondern davon, wie transparent es für nachfolgende Generationen bleibt.

Wenn Bürgerinitiativen öffentliche Bauten übernehmen, ist physischer Verschleiß selten das unlösbare Hindernis. Ein undokumentierter elektronischer Steuerkasten hingegen bricht die Kette der Wartbarkeit mit einem Schlag ab. Beschädigte Zahnräder lassen sich vermessen und an der Drehbank nachfertigen. Geht jedoch die Steuerungslogik in einer unbeschrifteten Silizium-Blackbox verloren, hinterlässt der einstige Entwickler mit seinem Weggang ein Rätsel, das niemand mehr lösen kann.

Weiterführende Links:

  • Öffentlicher Hilferuf von Action Porty
  • Originalbericht auf pointinthecloud
  • Hacker News Community-Diskussion