Drohnenaufnahmen vor Wales: Finnwal verschlingt 68 Tonnen Meerwasser auf einen Schlag

Drohnenaufnahmen vor Wales: Finnwal verschlingt 68 Tonnen Meerwasser auf einen Schlag

WissenschaftOzean

Quellen:BBC + web research

Ein Schluck Meerwasser, groß genug für ein ganzes Klassenzimmer

Vor wenigen Tagen startete Rhys Morgan, Mitarbeiter einer Erdölraffinerie in Pembrokeshire (Wales), beim Meeresangeln mit Freunden seine Drohne. Was vor die Linse glitt, bezeichnete er selbst als „reines Glück“: Ein Finnwal (nach dem Blauwal das zweitgrößte Tier unseres Planeten) jagte in unmittelbarer Küstennähe beim sogenannten Lunge-Feeding – begleitet von einer Gruppe Delfine.

Der atemberaubendste Moment des Videos ist das Aufreißen des gewaltigen Mauls: Mit einem einzigen Schluck nimmt der Wal bis zu 18.000 Gallonen Meerwasser auf – rund 68 Kubikmeter. Um sich diese Zahl vorzustellen: Das entspricht ziemlich genau dem Raumvolumen eines durchschnittlichen Schulklassenzimmers. Mit jedem Happen füllt dieser Wal also bildlich gesprochen ein ganzes Klassenzimmer mit Wasser, um daraus winzigen Krill herauszufiltern.

Drohnenperspektive: Finnwal beim Lunge-Feeding vor der Küste von Pembrokeshire mit begleitenden Delfinen Foto: Man beachte die Delfine neben dem Wal – erst der direkte Größenvergleich offenbart die gigantischen Dimensionen. Quelle: Rhys Morgan / BBC

Bis an die Dehnungsgrenze: Ein Maul so groß wie ein Raum

Ein ausgewachsener Finnwal kann bis zu 24 Meter lang und 70 Tonnen schwer werden – vergleichbar mit den Ausmaßen eines kleinen Passagierflugzeugs. Seine Nahrung besteht jedoch fast ausschließlich aus winzigen, nur wenige Zentimeter großen Krillkrebsen und kleinen Schwarmfischen. Wenn das zweitgrößte Maul der Erde die kleinsten Beutetiere fressen will, lässt sich diese Diskrepanz nur durch eine gigantische Masse an Nahrung überbrücken.

Dieses Jagdverhalten nennt sich Lunge-Feeding (Stoßfressen): Der Wal beschleunigt mit Höchstgeschwindigkeit auf den Beuteschwarm zu und reißt plötzlich den Unterkiefer weit auf. Die wie eine Ziehharmonika gefalteten Kehlfurchen (ventral pleats) an Unterkiefer und Bauch dehnen sich schlagartig aus und verwandeln den Mundraum in einen riesigen Wassersack. Meerwasser und Krill schießen hinein; anschließend presst der Wal das Wasser durch die Barten nach außen und behält die Beute zurück.

Der biomechanische Preis dafür ist astronomisch hoch. Der Stoßangriff erfordert maximale Beschleunigung, und sobald sich das riesige Maul öffnet, wirkt der Körper wie ein riesiger Fallschirm im Wasser – der hydrodynamische Widerstand schnellt in die Höhe. Studien des Ökologen Jeremy Goldbogen haben längst gezeigt, dass dieser Vorgang zu den energetisch aufwendigsten Manövern im gesamten Tierreich gehört. Nach jedem einzelnen Stoßangriff muss der Wal minutenlang an der Wasseroberfläche verharren, um zu atmen und sich zu erholen. Jeder Schluck ist ein Alles-oder-Nichts-Spiel: Verschluckt er zu wenig Krill, zahlt der Wal metabolisch drauf.

Bis zu zwei Tonnen täglich – Happen für Happen erkämpft

So gewaltig ein einzelner Schluck wirkt, so mühsam ist das Erreichen der Tagesration. Da Krill winzig ist, muss der Finnwal täglich mehrere Stunden mit der Jagd verbringen und bis zu 2.000 Kilogramm Nahrung aufnehmen – das entspricht in etwa dem Gewicht eines Pkw, Gramm für Gramm aus Kleinstkrebsen zusammengetragen.

Das erklärt seine Evolutionsstrategie: Wenn jeder Vorstoß gewaltige Energiemengen verbrennt, muss das Volumen jedes Schlucks bis an die absolute strukturelle Belastungsgrenze des Körpers getrieben werden. Das Maul öffnet sich auf fast ein Drittel der gesamten Körperlänge, um pro Aktion das Maximum herauszuholen – nur so rentiert sich die lange Erholungsphase. Das zweitgrößte Tier der Erde setzt bei jeder Mahlzeit seinen gesamten Körper als Einsatz aufs Spiel.

Warum der 24-Meter-Riese so selten zu sehen ist

Rein intuitiv sollte ein 24 Meter langer Koloss auf den Meeren kaum zu übersehen sein. In der Praxis bekommen die allermeisten Menschen im Leben niemals einen Finnwal zu Gesicht. In einem BBC-Bericht erklärt Dr. Marianna Chimienti, Meeresökologin an der Bangor University, dass die Nahrungsaufnahme an der Oberfläche zwar ein normales Verhalten darstellt, ein Auftauchen so nah an der Küste jedoch „äußerst ungewöhnlich“ sei – „theoretisch hätten sie zu dieser Jahreszeit längst weitergewandert sein müssen.“

Der Grund führt wieder auf die Nahrungsaufnahme zurück. Krill und Schwarmfische sammeln sich in nährstoffreichen Meeresströmungen. Finnwale fressen in den wärmeren Monaten in kalten Gewässern hoher Breiten und wandern im Winter in wärmere Zonen zur Fortpflanzung ab – sie folgen strikt den Futterquellen. Zudem variieren ihre Wanderrouten individuell sehr stark. Anders als Buckelwale, die jedes Jahr zuverlässig feste Küstenrouten passieren, sind die Wanderungen der Finnwale für die Wissenschaft bis heute schwer vorherzusagen. Ein Hochseeriese, der unberechenbaren Beuteschwärmen im offenen Ozean folgt, kreuzt schlicht selten den Weg des Menschen.

Dass diese Aufnahmen gelangen, verdankt sich dem Zusammentreffen dreier seltener Zufälle: Der Wal schwamm ungewöhnlich nah an die Küste heran, er jagte genau an der Wasseroberfläche, und zufällig war ein Angler mit einer Drohne an Bord vor Ort. Morgan selbst fasste es so zusammen: „Draußen auf dem Meer merkt man erst, wie klein man eigentlich ist.“

Rhys Morgan auf seinem Boot; er erzählte, er sei „auf dem Wasser aufgewachsen“ Foto: Die Aufnahmen stammen nicht von einem Forschungsschiff, sondern von einem kleinen Angelboot – bahnbrechende Naturbeobachtungen gelingen oft Laien. Quelle: Tomos Thomas / BBC

Das riskanteste Mahl der Natur: Ein Schluck über Leben und Tod

Damit schließt sich der Kreis zu den 68 Kubikmetern Meerwasser, die ein ganzes Klassenzimmer füllen könnten. Jedes Mal, wenn ein Finnwal sein Maul öffnet, vollzieht er die biomechanisch teuerste Mahlzeit des Planeten: Vollsprint, maximale Dehnung der Kehlfalten, Bremswirkung eines Wassersacks und langes Durchatmen an der Oberfläche. Diese Hochrisikostrategie ermöglicht es einem 70-Tonnen-Giganten, sich von Kleinstkrebsen zu ernähren – verbannt ihn aber zugleich in entlegene Hochseegebiete, stets den flüchtigen Krillschwärmen hinterher.

Genau deshalb ist die Aufnahme vor der walisischen Küste so kostbar: Was wir in diesen wenigen Sekunden sehen, ist ein Riese am Rande seiner physischen Belastungsgrenze – perfekt festgehalten aus der Vogelperspektive.

Weiterführende Links:

  • BBC News: Finnwal beim Lunge-Feeding vor der Küste von Wales
  • BBC Video: Drohnenaufnahmen des fressenden Finnwals