Das irische Zentralamt für Statistik (CSO) veröffentlichte am 7. Juli eine Datenreihe: Im Jahr 2025 verbrauchten die Rechenzentren des Landes 7.663 Gigawattstunden (GWh) Strom und damit 23 % des gesamten landesweit gemessenen Stromverbrauchs.
Was bedeutet 23 %? Der Wert übersteigt die Summe des Stromverbrauchs aller städtischen Haushalte Irlands (18 %) und ist mehr als doppelt so hoch wie jener der ländlichen Haushalte (9 %). Vor zehn Jahren – 2015 – lag dieser Anteil noch bei 5 %.
Ein bemerkenswertes Detail verborgen sich in der Statistiktafel des CSO: Der Stromverbrauch der Rechenzentren wuchs 2025 im Jahresvergleich um 10 %, während der Verbrauch „aller übrigen Nutzer“ nur um 2 % zunahm. Mit anderen Worten: Das gesamte Stromwachstum des kleinen Landes mit 5 Millionen Einwohnern wurde nahezu vollständig von den Rechenzentren aufgezehrt.
Die erste Reaktion des Autors beim Lesen dieser Datenreihe war Verwirrung: Unter einem faktisch ein Jahr lang gültigen Neubauverbot stieg der Verbrauch dennoch um 10 % – warum? Die Antwort deutet in dieselbe Richtung: In den bereits betriebenen über 80 Rechenzentren steigt die GPU-Dichte rasch an.
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Sechsfach in zehn Jahren: Die Triebkraft hinter der Wachstumskurve
Die Zusammenfassung des CSO-Statistikers Grzegorz Głaczyński ist unmissverständlich: „Der Stromverbrauch der Rechenzentren wächst jedes Jahr, ohne Ausnahme.“ Im Einzelnen:
- 2015: 1.240 GWh, 5 % des Landesanteils
- 2019: 2.490 GWh, Verdopplung
- 2024: 6.973 GWh, abermals mehr als verdoppelt
- 2025: 7.663 GWh, 23 % des Landesanteils
Die Phase des stärksten Wachstums fällt mit dem Zeitverlauf des Wettlaufs um große KI-Modelle zusammen. Nach dem Erscheinen von ChatGPT Ende 2022 begann ein globaler Rüstungswettlauf der Tech-Giganten um GPU-Einkäufe. Die Rechenleistung, die zum Training eines großen Sprachmodells nötig ist – samt des für den Betrieb dieser GPUs erforderlichen Stroms –, bewegt sich in einer völlig anderen Größenordnung als die Cloud-Nachfrage von vor fünf Jahren.
Eine einzelne NVIDIA H100 GPU hat eine Spitzenleistungsaufnahme von etwa 700 Watt. Ein Trainingscluster mit 10.000 Karten verbraucht allein für die GPUs etwa 7 Megawatt Dauerleistung – ganz abgesehen von Kühlung, Netzwerkinfrastruktur und Speicher. Irland beherbergt derzeit über 80 Rechenzentren, wobei Amazon, Microsoft und Google die größten Betreiber sind.
Die irische Regulierungsbehörde für Energie (CRU) hatte diesen Trend bereits vor Jahren erkannt. In der Region Dublin verhängte sie ein faktisches „Anschlussverbot“ für neue Rechenzentren an das Stromnetz. Dieses Verbot wurde im Dezember 2024 aufgehoben – doch der Verbrauch im gesamten Jahr 2025 stieg dennoch um 10 %, und zwar bereits, während das Verbot noch galt.
Tech-Giganten gegen das kleine Netz von 5 Millionen
Um das Wesen dieses Konflikts zu begreifen, muss man die Größenordnung des irischen Stromsystems verstehen.
Die jährliche Stromerzeugung Irlands beträgt etwa 40 Terawattstunden (TWh). Zum Vergleich: Der Stromverbrauch der Rechenzentren in Kalifornien liegt etwa viermal höher als jener Irlands, doch Kalifornien hat mehr als siebenmal so viele Einwohner und ein weit größeres Netz. Ein HN-Nutzer rechnete in der Diskussion vor: Der irische Pro-Kopf-Verbrauch für Rechenzentren liegt bei etwa 690 Watt, der kalifornische bei etwa 810 Watt – die Lücke ist also nicht so dramatisch, wie die Zahl „23 %“ vermuten ließe.
Gerade dieser Vergleich verdeutlicht jedoch die andere Seite des Problems: Das irische Netz ist zu klein, um nennenswerte Toleranzräume zu bieten. Wenn Rechenzentren fast ein Viertel des nationalen Stroms beanspruchen, drängt jedes weitere Wachstum unmittelbar den Spielraum von Haushalten und kleinen Unternehmen ein.
Die irischen Anwohner spüren dies unmittelbarer. Ein irischer HN-Nutzer schrieb in der Diskussion: „Mein Strompreis liegt bei 34 Cent pro Kilowattstunde; die Regierung sagt uns einerseits, wir sollen weder Öl, Kohle noch Torf zur Heizung nutzen, andererseits kann ich mir weder Solarpanels noch eine Wärmepumpe leisten.“ Dieser Preis entspricht umgerechnet über 2,5 Yuan pro Kilowattstunde und zählt in Europa bereits zu den höheren Sätzen.
▲ Bildquelle: The Register (imageId=257009)
Steuermagnet: Warum gerade Irland?
Dass sich über 80 Rechenzentren gerade in Irland ballen, hat neben dem kühlen Klima (günstige Kühlung) und der Nähe zu transatlantischen Seekabeln einen wahren Magneten: die Steuer.
Der irische Körperschaftsteuersatz liegt bei 12,5 %; Einnahmen aus Forschung und Entwicklung sowie aus geistigem Eigentum lassen sich sogar auf 6,25 % drücken. Für Tech-Giganten, die jährlich Dutzende Milliarden Dollar an Cloud-Umsatz erzielen, ist die Platzierung eines Rechenzentrums in Irland und die Verlagerung der Gewinne dorthin im Grunde eine Steuerrechnung – und hat nichts mit der technischen Standortwahl zu tun.
Eben diese Logik erzeugt jedoch eine Spannung: Die Tech-Giganten ziehen enormen Nutzen aus Irlands Steuervorteilen, doch den Strom ihrer Rechenzentren tragen alle irischen Bürger gemeinsam – sei es über die Infrastrukturkosten der Netzerweiterung, sei es über die durch Angebots-Nachfrage-Verzerrung getriebenen Strompreise.
In der HN-Diskussion fasste jemand diesen Widerspruch in zwei Sätzen zusammen: „Die Preise erfassen die Externalitäten nicht“ und „diejenigen, die die Folgen tragen, sind nicht dieselben wie diejenigen, die den Nutzen haben.“ Abstrakt zwar, doch es zeigt präzise auf ein hartes Problem der öffentlichen Politik.
Fair bleibt: Rechenzentren brachten Irland durchaus Beschäftigung und Investitionen. Die irische Industriebehörde IDA fördert seit der Mitte der 2000er Jahre Rechenzentren als Kernstrategie zur Anwerbung ausländischer Tech-Investitionen. Als Microsoft 2007 in Dublin ein Rechenzentrum errichtete, galt dies als wichtiger Baustein von Irlands Erholung aus der Finanzkrise 2008. Aktuell erwirtschaften Rechenzentren etwa 18 % der irischen Bruttowertschöpfung (GVA) und sind eine echte Stütze der Wirtschaft.
Was die Regulierung kann – und was sie tat
Die regulatorische Antwort Irlands ließe sich als „Gas geben und bremsen zugleich“ beschreiben.
Das CRU-Anschlussverbot im Großraum Dublin ist eine Bremse, doch eng begrenzt – es beschränkt nur neue Anschlussanträge, nicht das Verbrauchswachstum bestehender Rechenzentren. Nach Aufhebung des Verbots Ende 2024 trat an seine Stelle ein feineres Regelwerk: Betreiber, die mehr als 10 Megawatt Anschlussleistung beantragen, müssen Generatoren oder Batteriesysteme gleicher Leistung bereithalten und den Strom bei Bedarf ins öffentliche Netz zurückspeisen. Microsoft und Digital Realty erprobten dieses Modell zuvor bereits im Pilotbetrieb.
Das Problem: Dieses Regelwerk erfasst nur das „Inkrement“ – auf den Bestandsverbrauch der bereits betriebenen über 80 Rechenzentren hat es kaum Wirkung. Und die CSO-Daten zeigen klar: Allein das Bestandswachstum ist bereits dramatisch genug.
Auch in Irland regen sich Bürgerproteste gegen Rechenzentren – bei einem Rechenzentrum pro 60.000 Einwohner keine Überraschung. Die jüngste Entwicklung: Selbst die Trump-Regierung fordert amerikanische Tech-Giganten zu der Zusage auf, ihre expandierenden Rechenzentren würden „weder die Strompreise für Anwohner treiben noch die Wasserressourcen erschöpfen“.
Ist Irland eine Ausnahme?
Das Besondere an Irland ist die Überlagerung zweier Faktoren in ein und derselben Geschichte: ein extrem kleines Netz und eine extrem starke Abhängigkeit von ausländischen Tech-Investitionen. Im größeren Bild gleicht Irland jedoch eher einem Warnsignal.
Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert, dass der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf 1.000 bis 2.000 TWh steigen könnte. Blickt man von Irland zu Singapur (das 2019 neue Rechenzentren vorübergehend stoppte), in die Niederlande (wo einzelne Städte Rechenzentren bereits beschränken) oder nach Virginia (dem weltgrößten Markt für Rechenzentren), zeigt sich dieselbe Spannung überall: KI benötigt Rechenleistung, Rechenleistung benötigt Strom, und der Ausbau der Strominfrastruktur bemisst sich in Jahrzehnten.
Ob der Verbrauch irischer Rechenzentren auf 30 % oder mehr weiter steigt, vermag der Autor nicht verlässlich vorherzusagen. Doch die CSO-Daten und die schwarz auf weiß vorliegende Wachstumskurve belegen zumindest eines: Wenn der KI-Wettlauf der Tech-Giganten frontal mit der Netzkapazität eines kleinen Landes zusammenstößt, sind die Werkzeuge der Regierung weit weniger zahlreich, als sie vermuten.
Referenzen:
- The Register: Irish datacenters now guzzle 23% of the country’s electricity
- HN-Diskussion (item?id=48884322)
- CSO: Data Centres Metered Electricity Consumption 2024
- Tom’s Hardware: Ireland’s data centers consumed nearly as much electricity as every home in the country combined in 2025