Warum eine Wetter-App unter Windows 11 über 1 GB RAM verbraucht

Warum eine Wetter-App unter Windows 11 über 1 GB RAM verbraucht

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Quellen:HN + web research · HN

Am 9. August 2026 brachte ein Test von Windows Latest Microsoft in Bedrängnis: Die vorinstallierte Wetter-App von Windows 11 belegt bereits für das bloße Anzeigen der Wettervorhersage mehr als 1,2 GB Arbeitsspeicher. Auf einem Computer mit 8 GB RAM beansprucht diese an sich triviale Anwendung beinahe ein Fünftel der gesamten Systemkapazität. Zum Vergleich: Die integrierte Wetter-App von Apple unter macOS benötigt für dieselbe Aufgabe lediglich rund 246 MB. Das Abrufen des Wetters gehört eigentlich zu den leichtesten Aufgaben auf einem PC, doch Microsoft hat daraus eine der ressourcenintensivsten gemacht.

Die Veröffentlichung löste auf Hacker News eine hitzige Debatte mit 326 Punkten und 271 Kommentaren aus. Abseits emotionaler Reaktionen liegt dem Phänomen eine technische Realität zugrunde, die jeder Nutzer kennen sollte.

Unter der Haube: Eine Webseite im Anwendungs-Wrapper

Wer den Task-Manager öffnet, sieht unter dem Prozess der Wetter-App eine ganze Reihe von Hintergrundprozessen: Renderer-Prozesse, GPU-Prozesse, Netzwerk-Prozesse – alle tragen den Namen Chromium. Das ist kein Zufall.

Die eigentliche Identität der Wetter-App von Microsoft ist die MSN-Wetter-Webseite. Statt auf native Windows-App-Technologien zu setzen, bettet Microsoft eine vollständige Browser-Engine ein, um diese Webseite zu laden. Diese Technologie nennt sich WebView2 – im Grunde eine Microsoft-Variante der Chrome-Laufzeitumgebung. Jedes Mal, wenn Sie eine solche App öffnen, startet auf Ihrem Computer ein weiterer vollständiger Browser.

Testergebnisse bestätigen dieses Verhalten: Der Speicherverbrauch beginnt bei rund 1 GB, pendelt sich im Leerlauf bei 500 bis 600 MB ein und schießt beim Scrollen oder Zoomen auf 1,5 bis 1,6 GB hoch. Um das Wetter zu prüfen, wird gewissermaßen erst ein ganzer LKW gestartet. Die App kann alles, was eine Webseite kann, muss aber auch alle Ressourcenkosten einer Webseite voll bezahlen.

Windows 11 Wetter-App Task-Manager Screenshot Abbildung: Die Wetter-App von Windows 11 verbraucht im Task-Manager über 1 GB RAM, unterstützt von mehreren Chromium-Prozessen. Quelle: Windows Latest

Für den Durchschnittsnutzer ist der Task-Manager schwer zu durchschauen. Hinter einer einzigen Anwendung verbergen sich fünf bis sechs Prozesse mit kryptischen Namen wie „Microsoft Edge WebView2 Runtime“, die sich nicht von einem normalen Browser unterscheiden lassen. Der Nutzer bemerkt nur, dass der PC langsamer wird, kennt aber den Verursacher nicht. Nach erfolgloser Fehlersuche lautet das Fazit oft: Der Rechner ist alt und muss ersetzt werden. Die Abrechnung des Arbeitsspeichers wird zur Unergründlichkeit – und genau das macht die Wrapper-Architektur für Hersteller so attraktiv.

Apple braucht nur 246 MB: Woher kommt die Lücke?

Die Wetter-App von macOS ist nativ entwickelt und lädt Ressourcen bedarfsgerecht. Community-Analysen des Speicherverbrauchs zeigen die Aufschlüsselung: etwa 45 MB für dynamische Hintergrundanimationen, 44 MB für System-Frameworks, 21 MB für Grafik-Rendering und lediglich 6,3 MB für den eigentlichen Wetterdatendienst. Jeder Megabyte erfüllt einen klaren Zweck.

Auch andere Vergleiche wurden gezogen: Die gesamte KDE-Desktop-Umgebung verbraucht mitsamt Hintergrundbildern und mehreren Widgets auf einem 5K-Bildschirm lediglich rund 560 MB. Apple verfolgt natürlich eigene kommerzielle Interessen, hat aber zumindest bei dieser App den Ressourcenverbrauch im Griff. 246 MB ist keineswegs extrem sparsam, sondern schlicht solides Handwerk. Native Anwendungen zahlen bedarfsgerecht pro Funktion, während Web-Wrapper die volle Summe im Voraus verlangen. Der ökonomische Unterschied um den Faktor 5 ist keine Effizienzfrage, sondern eine Architekturfrage.

macOS Wetter-App Speichervergleich Abbildung: Die integrierte Wetter-App von Apple macOS benötigt unter 250 MB Speicher. Quelle: Windows Latest

Wie aussagekräftig ist die Zahl von 1,2 GB?

Die Zahl in der Schlagzeile blieb nicht ohne Widerspruch. In den HN-Kommentaren wurde eingewendet: Wenn ohnehin Microsoft Edge oder Google Chrome im Hintergrund läuft, teilt sich die Wetter-App Teile der Engine mit dem Browser, wodurch der tatsächliche zusätzliche Speicherbedarf deutlich unter 1,2 GB liegt. Der Task-Manager zeigt lediglich die Gesamtsumme des Working Sets an, unterscheidet aber nicht zwischen geteiltem und exklusivem Speicher.

Auf der anderen Seite stehen konkrete Messergebnisse: Wird die Wetter-App geschlossen, werden sofort Hunderte Megabyte RAM freigegeben. Der im Screenshot sichtbare Renderer-Prozess mit 662 MB wurde direkt von der Wetter-App gestartet und ist kein geteilter Speicher.

Beide Positionen stützen sich auf reale Daten. Die 1,2 GB beschreiben den gesamten Footprint; der tatsächliche Mehrverbrauch hängt davon ab, wie viele Browserfenster bereits geöffnet sind. Doch selbst wenn man die Zahl halbiert: Dass eine einfache Wetter-App 500 MB RAM benötigt, bleibt absurd. Kern der Debatte ist nicht die exakte Zahl, sondern warum ein einfaches Hilfsprogramm überhaupt einen Browser-Kernel braucht.

Der wahre Grund für Browser-Wrapper: Werbung

Das Verpacken von Webseiten bietet Herstellern handfeste Vorteile: Einmal entwickeln, auf Windows, im Web und auf Smartphones gleichzeitig ausrollen. Das MSN-Team von Microsoft muss nur eine einzige Webseite pflegen, um Wetter, Nachrichten und Aktienkurse direkt ins Betriebssystem einzuspielen. Die Kosten dafür trägt der Arbeitsspeicher des Nutzers.

Der noch pragmatischere Grund lautet Werbung. In die Wetter-App ist ein MSN-Newsfeed eingebettet, in dem gesponserte Inhalte optisch exakt wie Wetterkarten gestaltet sind. In einem Betriebssystem, für das der Kunde bezahlt hat, liefert die mitgelieferte System-App weiterhin Werbung aus. Auch das Desktop-Widget-Board ist mit demselben Newsfeed gefüllt.

Windows 11 Wetter-App Architektur: Webseite im Wrapper Abbildung: Die Wetter-App von Windows 11 ist im Kern eine Webseite in einer Anwendungs-Hülle. Quelle: Windows Latest

Die Diskussion auf HN zielte auf eine noch tiefere Ebene: Chrome und Edge schränken im Rahmen von Manifest V3 die Rechte von Adblockern wie uBlock Origin immer weiter ein. Unter den neuen Regeln werden Filterlisten und Ausführungszeitpunkte drastisch beschnitten. In der Entwickler-Community gilt dies weitgehend als Schützenhilfe für das eigene Anzeigengeschäft. Während man Nutzern die Mittel nimmt, Werbung zu blockieren, schleust man Werbung in eigene System-Apps ein. Zwischen Werbeeinnahmen und Nutzererfahrung haben die Hersteller ihre Wahl getroffen. Der RAM-Verbrauch der Wetter-App ist da nur das Symptom.

Was Nutzer tun können: Der 130-MB-Workaround

Ein hochbewerteter Kommentar auf Hacker News beschreibt einen einfachen Ausweg ohne technisches Vorwissen. Im Edge-Browser installiert man die Erweiterung uBlock Origin, ruft die MSN-Wetter-Webseite auf, klickt in der Adressleiste auf „App installieren“ (PWA) und erstellt ein Desktop-Icon. Anschließend löscht man das Symbol der mitgelieferten Wetter-App.

Die angezeigte Wetter-Oberfläche ist identisch, doch der Arbeitsspeicherbedarf sinkt von 1,2 GB auf etwa 130 MB, während die Werbung verschwindet. Das Prinzip ist simpel: Die PWA läuft im bereits geöffneten Edge-Prozess und nutzt dessen Engine mit, während uBlock Origin die Werbeelemente filtert. 130 MB gegenüber 1,2 GB entspricht fast einer Zehntelung.

Die Ungewissheit liegt in der Zukunft: Auch Edge zieht bei den Restriktionen für Erweiterungen nach, sodass uBlock Origin in vollem Umfang auf Chromium-Basis keine unbegrenzte Lebensdauer hat. Einige Nutzer empfehlen daher den Wechsel zu Firefox. Wie lange dieser Workaround funktioniert, hängt von der Geduld der Browser-Hersteller ab.

Die Zeche bezahlt am Ende der Nutzer

Die Wahl des Tech-Stacks ist eine geschäftliche Entscheidung, die Rechnung begleicht der Anwender. Microsoft verspricht Optimierungen für leistungsschwache Rechner mit 8 GB RAM, lässt aber gleichzeitig die eigene Wetter-App ein Fünftel des Arbeitsspeichers blockieren und blendet darin Werbung ein. Führungskräfte kündigen zwar eine Rückkehr zu nativen Apps an, ein Zeitplan für die Überarbeitung der MSN-Anwendungen fehlt jedoch.

Wenn Sie das nächste Mal den Task-Manager öffnen und unverständlich hohe Speicherzahlen sehen, zweifeln Sie nicht gleich an Ihrem Rechner. Fragen Sie sich stattdessen: Steckt auch hier ein versteckter Browser dahinter? Die Antwort verbirgt sich in den Prozessen – man braucht nur etwas Geduld.

Referenz-Links:

  • Notebookcheck: Windows 11’s built-in Weather app wastes more than 1 GB of RAM
  • Hacker News: Windows 11’s built-in Weather app wastes more than 1 GB of RAM (item?id=49232138)
  • Windows Latest: Windows 11’s Weather app uses 5x the RAM of macOS Weather, because Microsoft has forgotten how to make native apps
  • Microsoft Learn: Verwenden von Progressive Web Apps in Microsoft Edge