Am 11. Oktober 2026 startete GAC AION den vollständigen Rollout seines vierten großen OTA-Firmware-Updates für den AION N60. Die Aktualisierung umfasst 14 Funktionsverbesserungen. Zwei Neuerungen stechen besonders hervor: ein intelligenter Anti-Reisekrankheit-Modus mit Vier-Domänen-Koordination und die Integration von Apple CarPlay über Funk und Kabel. Dies markiert einen bemerkenswerten, nutzerzentrierten Kurswechsel.
Mit einem Einstiegspreis zwischen 109.800 und 129.800 RMB zielt der AION N60 auf das wettbewerbsintensive Segment kompakter Elektro-SUVs ab. Dort kreiste der Kampf um das digitale Cockpit lange Zeit um immer größere Bildschirme und firmeneigene App-Kataloge. AION lenkt den Fokus nun zurück auf die elementare Reiseerfahrung. Das Entwicklerteam nutzt elektronische Steuerungsalgorithmen, um die für Elektroantriebe typische Übelkeit zu glätten, und öffnet gleichzeitig die Schnittstelle für etablierte Smartphone-Ökosysteme.
Abbildung: AION kündigt das vierte umfassende OTA-Update für den N60 an, mit Fokus auf Sicherheit und Cockpit-Komfort. Quelle: Offizielle Ankündigung von GAC AION
Vier-Domänen-Koordination dämpft abrupte Längsbeschleunigungen bei E-Fahrzeugen
Die Neigung zur Reisekrankheit in Elektrofahrzeugen beruht auf physikalischen Besonderheiten. Bei klassischen Verbrennern läuft die Kraftübertragung über Drehmomentwandler und Getriebestufen, was eine mechanische Verzögerung im Drehmomentaufbau bewirkt. Ein reines Elektroauto wird dagegen direkt von permanenterregten Synchronmotoren angetrieben; das Drehmoment steht innerhalb von Millisekunden bereit. Schon minimale Zitterbewegungen am Fahrpedal übertragen sich unmittelbar als Längsruck auf die Karosserie.
Eine aggressive Rekuperation verschärft das Problem zusätzlich. Beim Lupfen des Pedals erreicht die Verzögerung häufig bis zu 0,15g. Die Insassen werden fortwährend zwischen beschleunigenden Andruckkräften und ruckartigem Abbremsen hin- und hergeworfen. Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr registriert Bewegungsmuster, die nicht mit den visuellen Eindrücken der Netzhaut übereinstimmen. Dieser sensorische Konflikt löst im Zentralnervensystem Kinetose (Reisekrankheit) aus.
Der intelligente Anti-Reisekrankheit-Modus des AION N60 lässt sich mit einem Tastendruck aktivieren. Das System bündelt vier Fahrzeugdomänen: Antriebsstrang, Bremsanlage, Fahrwerk und Klimatisierung. Es kalibriert die Kennlinie der Motorsteuerung völlig neu. In sechs typischen Fahrsituationen – darunter Stop-and-Go im Berufsverkehr, häufige Spurwechsel, Kurvenfahrten und Notbremsungen – greift der Algorithmus aktiv dämpfend ein.
Harte Drehmomentspitzen des Elektromotors werden sanft abgeflacht. Der Übergang in die Bremsenergierückgewinnung erfolgt über progressive Dämpfungsrampen, was das typische Nicken des Fahrzeugs beim Anhalten spürbar verringert. Fällt die Geschwindigkeit unter 5 km/h, baut das System den Bremsdruck gleichmäßig ab. Zugleich erhöht die Klimaanlage den Frischluftanteil und optimiert die Ausströmwinkel, um ein Engegefühl im Innenraum zu verhindern.
Während die frühe Phase der Elektromobilität von extremen Beschleunigungswerten dominiert wurde, gilt bei Familienfahrzeugen eine sanfte Kraftentfaltung mittlerweile als der entscheidende Maßstab.
Abbildung: Der Anti-Reisekrankheit-Modus glättet das Ansprechverhalten bei Beschleunigung, Bremsung und Kurvenfahrt. Quelle: Technische Dokumentation von GAC AION
Familien-Stromer öffnet sich dem iOS-Ökosystem
Zahlreiche neue Elektroautohersteller in China haben Smartphone-Spiegelungsprotokolle in den letzten Jahren schrittweise gestrichen. Sie versuchten, geschlossene Software-Ökosysteme im Cockpit zu etablieren, um Kunden an eigene digitale Dienste zu binden. Der AION N60 schwimmt gegen den Strom und integriert Apple CarPlay sowohl kabellos als auch kabelgebunden.
Nach der ersten Kopplung über Bluetooth und WLAN stellt das Fahrzeug die Verbindung beim Einsteigen automatisch her. Bis zu 22 häufig genutzte Smartphone-Apps lassen sich direkt auf dem zentralen Touchscreen darstellen. Navigationsrouten und Musik-Playlists laufen nahtlos weiter, wodurch das Fahrzeugdisplay als hochwertiger externer Monitor fungiert.
Pendler haben über Jahre hinweg Navigationsfavoriten und Audio-Bibliotheken auf ihren Smartphones kuratiert. Eine native Spiegelung erspart das lästige Scannen von QR-Codes und separate Fahrzeug-Logins. Der Bildschirm rückt wieder in seine Funktion als ergonomische Anzeigezentrale, was die Bedienung intuitiv und flüssig hält.
Hinzu kommt, dass native Fahrzeug-Apps oft monatelange Update-Zyklen durchlaufen, während mobile Kartendienste fortlaufend aktualisiert werden. Durch die Freigabe der Smartphone-Spiegelung profitieren Fahrer unmittelbar von der Rechenleistung und den Echtzeit-Verkehrsdaten ihrer Mobiltelefone.
Abbildung: Das Infotainmentsystem unterstützt drahtloses und kabelgebundenes CarPlay für die nahtlose App-Nutzung. Quelle: Offizielle Werbebroschüre von GAC AION
Proprietäre Cockpit-Systeme versus offene Smartphone-Spiegelung
In der Frage der Cockpit-Architektur ist die Automobilindustrie gespalten.
Verfechter proprietärer Systeme setzen auf eine tiefe Verzahnung von Hard- und Software. Ein bordeigenes System hat direkten Zugriff auf Ambientebeleuchtung, Sitzverstellung, Fensterheber und Fahrassistenzsysteme. Der zentrale Bildschirm regelt Zentralverriegelung, Rückfahrkamera und komplexe Visualisierungen des assistierten Fahrens. Zudem sichern sich Hersteller den Zugang zu lukrativen Abonnement-Modellen. Smartphone-Schnittstellen arbeiten dagegen in einer isolierten Sandbox-Schicht ohne tiefen Zugriff auf die Bordnetzelektronik.
Befürworter von CarPlay und Co. heben dagegen den Lebenszyklus hervor. Smartphone-Prozessoren entwickeln sich jährlich rasant weiter, und mobile Software wird ungleich schneller aktualisiert als Automotive-Komponenten. Während automotive Halbleiter nach drei bis fünf Jahren erste Leistungseinbußen zeigen können, sorgt die Rechenleistung des Smartphones dafür, dass auch ältere Displays flüssig reagieren.
Im alltäglichen Berufsverkehr beschränken sich die primären Anforderungen der meisten Fahrer auf Navigation und Musikwiedergabe. Geschlossene Herstellersysteme erhöhen hier oft nur die Hürden bei der Bedienung.
Der AION N60 wählt einen pragmatischen Mittelweg: Das Infotainmentsystem bietet neun vorinstallierte Apps für Bildung und Unterhaltung, lässt dem Fahrer mit Apple CarPlay aber gleichzeitig die freie Wahl.
Verfeinerte Assistenzstufen und klarere Übergabegrenzen beim Einparken
Auf Hardware-Ebene ist der AION N60 solide aufgestellt. Alle Modellvarianten verfügen serienmäßig über LiDAR und 4D-Millimeterwellen-Radar, angetrieben von einem Qualcomm Snapdragon 8650-Chip. Die Software für assistiertes Fahren wurde gemeinsam mit WeRide entwickelt.
Mit dem vierten Update wird die Fahrassistenz in drei Stufen unterteilt: Sanft, Standard und Agil. Auch der Parkassistent bietet nun die Geschwindigkeitsmodi Sanft, Standard und Effizient. Im zähfließenden Stadtverkehr verringert der sanfte Modus abrupte Abstände beim Kolonnenfahren, während auf der Autobahn der agile Modus zügigere Spurwechsel ermöglicht.
Auch die Übergabegrenzen zwischen Mensch und Maschine wurden präzisiert. Der adaptive Tempomat (ACC) erhält einen separaten Funktionsschalter: Ist dieser aktiviert, übernimmt der Fahrer beim Lenken nur die Querführung, während die Längsführung aktiv bleibt. Ist der Schalter deaktiviert, führt jede Lenkradbewegung zur vollständigen Deaktivierung des Fahrassistenten.
Die Überhollogik wurde ebenfalls an reale Straßenbedingungen angepasst. Erkennt das System vorausfahrende Lkw, die auf durchgezogene Linien geraten, betätigt das Fahrzeug automatisch die Lichthupe, um das vorausfahrende Fahrzeug zur Einhaltung der Spur aufzufordern.
Ergänzend führt das Batteriemanagementsystem eine manuelle Begrenzung des Ladelimits ein. Fahrer können den Ladevorgang für den Alltagsbetrieb auf 80 bis 90 Prozent begrenzen. Das Vermeiden ständiger Vollladungen schont die Lithiumzellen und verlangsamt die kalendarische Alterung des Akkus messbar.
Das jüngste OTA-Update für den AION N60 verzichtet auf bloße Marketing-Versprechen. Algorithmen eliminieren das Ruckeln des Elektroantriebs, während offene Schnittstellen die Gewohnheiten moderner Smartphone-Nutzer respektieren. Die Weiterentwicklung des Cockpits besinnt sich auf die Kernfunktion des Automobils: stabiles Fahren und entspanntes Ankommen.
Weiterführende Quellen:
- Offizielle Ankündigung von GAC AION
- Technisches Handbuch zum AION N60
- Bericht von IT Home