Mit 209 US-Dollar liegt der Preis nur 34 Dollar über den 175 Dollar eines Raspberry Pi 5. Bei der Multi-Core-Rechenleistung klafft jedoch eine gewaltige dreifache Lücke. Im Benchmark Geekbench 6 erzielte das in Shenzhen entwickelte Radxa Dragon Q8B ein Multi-Core-Ergebnis von 6.302 Punkten und distanzierte den Raspberry Pi 5 mit 8 GB Speicher deutlich. Zum ersten Mal beherbergt ein Open-Source-Einplatinencomputer einen Qualcomm-Snapdragon-Prozessor aus der Laptop-Klasse.
Nach der Auslieferung der ersten Boards spaltete sich das Echo in der Maker-Gemeinde rasch. Während der enorme Multi-Core-Durchsatz für Begeisterung sorgte, dämpfte eine unfertige Werks-Firmware die Euphorie spürbar. Rechenleistung lässt sich durch bloßes Aufrüsten der Hardwarekomponenten vervielfachen; die über mehr als ein Jahrzehnt gewachsene System- und Softwarebasis des Raspberry Pi einzuholen, erfordert jedoch weitaus mehr Entwicklungsaufwand.
Abbildung: Äußerer Vergleich zwischen Radxa Dragon Q8B und Raspberry Pi 5 bei nahezu identischen Platinenabmessungen. Quelle: Praxistest von Jeff Geerling
Über 6.300 Multi-Core-Punkte sprengen das Leistungslimit von SBCs
Das Herzstück des Dragon Q8B bildet der Qualcomm Snapdragon 8cx Gen 3. Dieser im 5-nm-Verfahren bei TSMC gefertigte Chip wurde ursprünglich für schlanke Notebooks unter Windows on ARM konzipiert. Sein CPU-Verbund umfasst vier Cortex-X1C-Prime-Kerne mit bis zu 3,0 GHz Taktfrequenz sowie vier Cortex-A78C-Performance-Kerne mit 2,4 GHz.
Hardware-Blogger Jeff Geerling veröffentlichte detaillierte Messwerte aus der Praxis. Im Test Geekbench 6 erreichte das Dragon Q8B 1.405 Punkte im Single-Core- und 6.302 Punkte im Multi-Core-Durchlauf. Der Raspberry Pi 5, angetrieben von einem Broadcom BCM2712 mit lediglich vier Cortex-A76-Kernen, verharrt bei rund 2.100 Multi-Core-Punkten. Das entspricht einem Single-Core-Zuwachs von fast 80 % und einem exakt dreifachen Multi-Core-Vorsprung für das Q8B. In Geekbench 7 legte das Board mit 1.465 (Single-Core) und 7.114 Punkten (Multi-Core) nochmals nach.
Ein ähnlicher Generationssprung zeigt sich bei Gleitkommaoperationen. Im Linpack-Benchmark lieferte das Dragon Q8B eine Rechenleistung von 123,05 Gflops. Dabei pendelte sich die Leistungsaufnahme des Gesamtsystems bei 33 W ein, was einer Energieeffizienz von 3,73 Gflops/W entspricht. Der Raspberry Pi 5 kam im selben Test lediglich auf 2,75 Gflops/W. Die moderne Großkern-Architektur von Qualcomm spielt hier ihre Recheneffizienz voll aus.
Diese Performance fordert jedoch ihren Tribut bei der Stromaufnahme. Im Leerlauf mit aktiver Netzwerkverbindung zieht das Dragon Q8B bereits knapp 4,9 W. Unter Matrizen-Stresstests klettert der Verbrauch auf 20,9 W und erreicht bei voller Gleitkomma-Auslastung aller Kerne 33 W. Berücksichtigt man schnelle externe Peripheriegeräte, empfiehlt der Hersteller ein 65-W-Netzteil. Damit verlässt das Board das klassische SBC-Segment von 5 W bis 15 W und nähert sich den Dimensionen eines kompakten Desktop-Rechners an.
Dual-2.5GbE und 128-Bit-Speicherbus auf Desktop-Niveau
Hohe Rechenleistung verpufft ohne adäquate Speicheranbindung. Das Dragon Q8B ist standardmäßig mit 8 GB LPDDR4X-Arbeitsspeicher bestückt; Varianten von 4 GB bis 32 GB stehen zur Auswahl. Die Speicherbusbreite beträgt 128 Bit bei einer Übertragungsrate von 4.266 MT/s.
Klassische Einplatinenrechner leiden seit jeher unter Bandbreiten-Engpässen durch schmale Speicheranbindungen. Der Raspberry Pi 5 setzt auf einen 32-Bit-Niedrigvolt-Speicherbus, der bei hohen Datenströmen und Grafikrendern schnell an Sättigungsgrenzen stößt. Die 128-Bit-Architektur des Dragon Q8B stellt dagegen breite Datenpfade bereit, sodass auch leichtgewichtige lokale LLM-Inferenz stabil ausgeführt werden kann.
Abbildung: Nahaufnahme des Qualcomm Snapdragon SC8280XP im Zentrum des Dragon Q8B. Quelle: Praxistest von Jeff Geerling
Auch die Netzwerkausstattung übertrifft bisherige Standards. Ein integrierter Toshiba-TC956x-PCIe-Switch stellt zwei 2,5-Gbit/s-Ethernet-Ports bereit. Bandbreitenmessungen belegen eine Auslastung der physischen Verbindung von bis zu 2,35 Gbit/s. Zusammen mit zwei PCIe-Lanes können Anwender direkt schnelle NVMe-SSDs anbinden, um im Handumdrehen einen hochperformanten Micro-NAS-Knoten aufzubauen.
Die Grafikausgabe übernimmt eine Adreno-690-GPU, die bis zu drei unabhängige Displays mit 4K bei 120 Hz ansteuert. Zudem ist eine Hexagon-NPU mit 29 TOPS Rechenleistung integriert. Im Preisbereich um 209 US-Dollar heben diese Spezifikationen die Erweiterbarkeit gewöhnlicher Entwicklungsboards auf das Niveau von Industrie-PCs.
Fehlgeschlagener generischer OS-Boot offenbart Firmware-Mängel
So beeindruckend die Hardware auf dem Papier wirkt, so holprig verlief die Software-Inbetriebnahme. Obwohl die offizielle Dokumentation standardkonforme UEFI-Firmware zusagte, wiesen die ersten Auslieferungschargen gravierende Firmware-Schwächen auf.
Tester stießen bereits beim Bootvorgang auf Erkennungsprobleme. Die Onboard-Firmware erkannte beim Kaltstart USB-Tastaturen teils nicht, und Hardware-KVM-Switches verloren im BIOS die Eingabekontrolle. An manchen hochauflösenden Monitoren blieb der Bildschirm gänzlich schwarz, sodass Nutzer das Netzteil mehrfach neu einstecken mussten, um mit Glück ins Setup-Menü zu gelangen.
Versuche, generische Betriebssysteme abseits der herstellereigenen Images zu installieren, scheiterten vollends. Beim Booten eines regulären arm64-Ubuntu-26.04-Installationsmediums stürzte das Board direkt nach Auswahl im GRUB-Menü ab und startete neu. Die versprochene universelle UEFI-Startfähigkeit erwies sich in der Praxis als nicht nutzbar.
Radxa bestätigte das Problem im offiziellen Forum: Bestimmte Werks-BIOS-Versionen litten unter Funktionsrückschritten, wodurch essenzielle Low-Level-Routinen für Standard-Distributionen fehlten. Der Hersteller stellte eilends Vorab-Patches zur Verfügung. Um thermische Risiken zu bannen, drosselten frühe Images zudem die Taktraten der Cortex-X1C-Kerne auf 2,5 GHz – lediglich 83 % der spezifizierten Spitzenleistung. Um das Potenzial der Hardware auszuschöpfen, bleiben Nutzer vorerst an herstellerspezifische Images und Skripte gebunden.
Über sechzig externe Kernel-Patches markieren die Software-Kluft
Die Portierungsversuche unabhängiger Open-Source-Projekte verdeutlichen den Graben auf Softwareebene weiter. Das Team der Linux-Distribution Armbian musste enormen Aufwand betreiben, um das Dragon Q8B lauffähig zu machen.
Damit die Hardware unter einem unveränderten Linux-Mainline-Kernel startet, mussten die Betreuer über 60 Patches auf den Upstream-Kernel aufsetzen. Die Anpassungen reichen von rückportierten Netzwerktreibern über HDMI-Bridge-Chips bis hin zu DisplayPort-Hotplug und Hardware-Videodekodierung. Ohne dieses umfangreiche Patch-Paket lässt sich das Board mit generischen Kerneln kaum betreiben.
Für reguläre Entwickler und Maker ist die eigenständige Pflege eines derart komplexen Treiber-Stacks kaum zu stemmen. Dagegen erweist sich das über viele Jahre gepflegte Ökosystem der Raspberry Pi Foundation als unschätzbarer Vorteil. Der Raspberry Pi 5 gewährleistet dank einheitlicher Device-Tree-Standards und ausgereiftem offiziellem Betriebssystem ein perfektes Zusammenspiel von Hard- und Software. Einsteiger stecken eine bespielte SD-Karte ein, und die Peripherie läuft auf Anhieb; Tausende Treiberbibliotheken lassen sich bequem über die Paketverwaltung nachinstallieren.
Qualcomm verfügt zwar über jahrzehntelange Erfahrung im Mobilfunkmarkt, doch im Einplatinenbereich fehlt es an gewachsenen Open-Source-Embedded-Strukturen. Proprietäre Treiber erschweren unabhängige Anpassungen, sodass Hardwarehersteller gewaltige Entwicklungsressourcen aufwenden müssen, um das Software-Puzzle zu vervollständigen.
Komponenten-Power gegen Community-Bindung: Zwei Überlebensstrategien
Der Markt für Open-Source-Einplatinenrechner spaltet sich somit in zwei Entwicklungsstränge.
In Industrie-Gateways, Build-Servern oder bei der Videoanalyse an der Edge ist rohe Rechenleistung unverzichtbar. Professionelle Entwickler stellen hohe Anforderungen an bandbreitenstarke Schnittstellen und verfügen über das nötige Know-how, um eigene Kernel zu kompilieren und Treiber anzupassen, um Qualcomms Multi-Core-Dichte zu nutzen.
Dennoch bleibt der Raspberry Pi für die breite Masse der Bastler erste Wahl, selbst bei unterlegener Rechenleistung. Das stabile, barrierefreie System stellt einen hohen Schutzwall dar. Direkt funktionierende GPIO-Bibliotheken und eine weltweite Community sorgen dafür, dass Einsteiger praktisch nie vor unlösbaren Hürden stehen.
Das Dragon Q8B beweist das enorme Potenzial von Laptop-Chips auf Einplatinencomputern. Den Ausschlag über den langfristigen Erfolg geben jedoch Firmware-Stabilität und Community-Rückhalt. Eine leistungsstarke Platine zu entwerfen dauert wenige Monate; ein tragfähiges Software-Ökosystem aufzubauen, erfordert dagegen Jahre beharrlicher Entwicklungsarbeit.
Weiterführende Links:
- Hackaday-Testbericht
- Jeff Geerlings SBC-Benchmark-Dokumentation
- Offizielle technische Dokumentation zum Radxa Dragon Q8B
- Diskussionen im offiziellen Radxa-Entwicklerforum