Am 30. Juni 2026 kündigte Erin Catto sein neues Werk an: Box3D, eine quelloffene 3D-Physik-Engine.
Sollten Sie den Namen Erin Catto noch nie gehört haben — das macht nichts. Aber die Geschichte seines letzten Projekts kennen Sie garantiert. Es ist eine Geschichte, in der eines der erfolgreichsten Mobile-Games der Welt vorkommt, eine peinliche öffentliche Frage und ein roter Hoodie, den der Autor selbst nicht besonders mochte.
Was eine Physik-Engine ist: die 「Schwerkraft」 der Spielwelt
Um zu verstehen, warum diese Ankündigung einen eigenen Artikel verdient, muss man zunächst verstehen, was eine Physik-Engine überhaupt macht.
Stellen Sie sich vor, Sie wischen auf Ihrem Handy-Bildschirm und schleudern einen Vogel auf grüne Schweine — die parabolische Flugbahn, das Zersplittern des Holzes beim Aufprall, die Richtung, in die die Steine rollen: All das wird berechnet. Die Software, die diese Berechnungen durchführt, nennt man Physik-Engine.
Anders gesagt: Eine Physik-Engine ist das 「Schwerkraftsystem」 der Spielwelt. Ohne sie würde der wütende Vogel einfach geradeaus fliegen, beim Aufprall würde nichts passieren, das Holz würde nicht brechen, die Schweine würden nicht rollen — der gesamte Spielspaß wäre auf Null reduziert.
Und die Physik-Engine, die in Angry Birds steckt, heißt Box2D.
Auf der GDC-Bühne: die Frage, die den ganzen Saal klatschen ließ
Springen wir zurück ins Jahr 2011, zur Game Developers Conference (GDC). Rovios Marketing-Chef Peter Vesterbacka hielt eine Keynote mit dem Titel 「Angry Birds — Die Geburt einer Entertainment-Marke」. Rovio war auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, der Saal war voll besetzt.
In der Fragerunde stand ein Mann auf und fragte: 「Welche Physik-Engine verwendet Angry Birds eigentlich?」
Vesterbacka antwortete ohne Zögern: 「Box2D.」
Der Fragesteller fuhr fort: 「Und warum taucht sie nicht in den Credits auf? Ach ja, ich bin übrigens Erin Catto, der Autor von Box2D.」
Laut dem damaligen TechCrunch-Bericht brach der Saal in Applaus aus. Ein ehemaliger Rovio-Mitarbeiter erinnerte sich auf Hacker News, dass Vesterbackas Antwort lautete: 「Lass uns nachher reden.」
Das war alles. Keine Konfrontation, keine Anwaltsschreiben, keine Klage. Catto wurde nachträglich in die Credits aufgenommen. Angeblich bekam er auch einen roten Rovio-Hoodie — von dem Catto später in einem Forum schrieb, dass ihm Rot eigentlich gar nicht gefällt.
Zu diesem Zeitpunkt war Angry Birds bereits ein globales Phänomen. Branchenschätzungen zufolge hat die Reihe insgesamt über 5 Milliarden US-Dollar eingespielt, Kinofilme und Merchandise nicht mitgerechnet. Und der Autor der Physik-Engine, die dieses Imperium überhaupt erst möglich machte, bekam: ein 「Lass uns nachher reden」.
Warum fehlte die Namensnennung? Die 「Gentlemen’s Agreement」 in der MIT-Lizenz
Hier ist eine technische Klarstellung nötig: Rovio hat nicht gegen das Gesetz verstoßen.
Box2D steht unter der MIT Open-Source-Lizenz. Diese Lizenz ist extrem minimalistisch und großzügig. Sie sagt im Kern: Du darfst die Software frei nutzen, verändern und sogar in kommerzielle Produkte einbauen, ohne mir einen Cent zu zahlen. Die einzige Bedingung: Die Copyright-Notiz muss erhalten bleiben.
Genau diese Copyright-Notiz hat Rovio ignoriert — bis Catto auf der GDC öffentlich nachfragte und sein Name endlich nachgetragen wurde.
Der Originaltext der MIT-Lizenz lautet: 「an acknowledgment in the product documentation would be appreciated but is not required.」 (Eine Namensnennung in der Produktdokumentation wird geschätzt, ist aber nicht erforderlich.)
「Wird geschätzt, aber nicht erforderlich」 — diese fünf Worte sind die Fußnote der gesamten Geschichte.
Ich will hier keine moralische Anklage erheben. Aber die Zahlen liegen auf dem Tisch: Ein Spiel mit Milliardenumsätzen verwendete Open-Source-Code unter MIT-Lizenz. Der Entwickler wurde weder erwähnt noch beteiligt. Bis der Autor selbst vor dem Mikrofon im Konferenzsaal stand.
Box2D: ein Hobbyprojekt, das die Spieleindustrie veränderte
Die Entstehung von Box2D ist selbst eine Geschichte des ungeplanten Erfolgs.
Erin Catto ist ein Spieleprogrammierer mit Mathematik-Doktortitel. 2006 schrieb er aus persönlichem Interesse eine 2D-Physik-Simulationsbibliothek, nannte sie Box2D und veröffentlichte sie unter MIT-Lizenz im Internet.
Was dann geschah, hätte Catto selbst wohl kaum vorhergesehen. Weil Box2D schlank designt, hocheffizient und gut dokumentiert war, wurde es schnell zur bevorzugten Physik-Engine für unabhängige Spieleentwickler. Die Liste der Spiele, die von Box2D angetrieben werden, füllt eine ganze Seite — von Angry Birds über Limbo, Incredibots und Happy Wheels bis hin zu OpenAIs Reinforcement-Learning-Umgebung Gym, in der physikalische Simulationsaufgaben auf Box2D-Basis eingebettet sind.
Man kann sagen: Wenn Sie zwischen 2010 und 2020 ein 2D-Spiel mit realistischen Physik-Kollisionen gespielt haben, stand mit hoher Wahrscheinlichkeit Box2D dahinter.
Doch die MIT-Lizenz besiegelte sein Schicksal: enormer Beitrag, null Vergütung.
Fünfzehn Jahre später: Box3D. Warum schreibt er immer noch Open Source?
Damit sind wir wieder bei der eingangs erwähnten Nachricht: Box3D wurde veröffentlicht.
Box3D ist die 「3D-Version」 von Box2D. Es erweitert die zweidimensionale Physiksimulation in den dreidimensionalen Raum — mit Dreiecksnetz-Kollisionen, Heightfield-Kollisionen, großflächiger Weltsimulation, plattformübergreifendem Determinismus, Aufzeichnung und Wiedergabe sowie vielen weiteren neuen Funktionen. Der gesamte Code ist in C17 geschrieben und folgt dem minimalistischen Stil einer einzigen C-API.
In seinem Blog nennt Catto zwei Gründe, warum er Box3D entwickelt hat.
Der erste Grund ist pragmatisch — er braucht es für das Spiel, an dem er gerade arbeitet. Catto ist derzeit bei einem Studio namens Kintsugiyama angestellt und entwickelt ein Survival-Spiel mit dem Titel The Legend of California, das auf der Unreal Engine 5 basiert. Das eingebaute Chaos-Physiksystem der Unreal Engine bereitete etliche Probleme: gefällte Bäume flogen wild umher, schmale Objekte hörten nicht auf zu rotieren, und die Effizienz bei großen Objektmengen war unzureichend. Catto probierte andere Open-Source-Lösungen wie Jolt aus, bis sein Freund — Valves Physik-Programmierer Dirk Gregorius, Autor der Rubikon-Physik-Engine aus Half-Life: Alyx — ihm riet, einfach einen Fork einer vereinfachten Version von Rubikon zu nehmen und selbst anzupassen.


Also bettete Catto Rubikon-Lite in die Unreal Engine ein und injizierte seine Optimierungsergebnisse, die er bei Box2D v3.0 gesammelt hatte. Während er daran arbeitete, wurde aus dem Fork Box3D.
Der zweite Grund ist persönlicher. Catto schreibt in seinem Blog: 「Ich arbeite seit 2004 an Spielphysik-Engines. Bei jedem Jobwechsel musste ich meine bisherige Arbeit zurücklassen. Das ist mit ein Grund, warum ich Box2D entwickelt habe — ein Open-Source-Projekt, das mein Wissen und meine Arbeit trägt und das ich in zukünftigen Projekten weiternutzen kann.」
Anders gesagt: Open Source ist für Catto eine Form der 「Wissensbewahrung」.
Kintsugiyama erlaubt Catto, Box3D während der Arbeitszeit zu entwickeln und als Open Source zu veröffentlichen. Das macht Box3D zu einer der wenigen Physik-Engines weltweit, die von einem kommerziellen Studio finanziert und in Vollzeit quelloffen entwickelt werden.
Die Entscheidung eines Idealisten
Beim Lesen der gesamten Geschichte hat mich Cattos Haltung am meisten beeindruckt.
In den Hacker-News-Kommentaren tobte eine hitzige Debatte. Eine Fraktion argumentierte, MIT-Lizenz sei eben MIT-Lizenz, Rovio habe keine rechtliche Verpflichtung zu zahlen, so seien die Marktregeln. Die Gegenseite konterte: Über der rechtlichen Untergrenze gibt es noch eine menschliche — kann man bei 5 Milliarden Dollar Umsatz nicht einmal eine Million abgeben?
Catto selbst hat sich an dieser Debatte nie beteiligt. Schon die Art seiner Frage auf der GDC war taktvoll — erst fragen, welche Engine verwendet wird (Vesterbacka selbst Box2D sagen lassen), dann um eine Namensnennung bitten, und erst am Ende die eigene Identität preisgeben. Keine Anklage, keine Vorwürfe, nur die Fakten für sich sprechen lassen.
Fünfzehn Jahre später schreibt er immer noch Physik-Engines. Von 2D zu 3D, von C++ zu C17, vom Hobbyprojekt zum firmengestützten Produkt. Er sagt: 「Open Source ist für mich kein Geschäft. Ich mache Box2D und Box3D, weil ich Spielphysik liebe. Zu sehen, welche erstaunlichen Spiele im Laufe der Jahre mit Box2D geschaffen wurden, macht mich aufrichtig glücklich.」
In der heutigen Internetlandschaft wirkt diese Haltung fast anachronistisch. Wir sind es gewohnt, dass Open-Source-Autoren ausbrennen, ihre Repositories löschen oder Anwaltsschreiben an Konzerne schicken. Catto wählte den anderen Weg: Weitermachen.
Zum Schluss
Eine Physik-Engine trug ein 5-Milliarden-Dollar-Spieleimperium. Der Autor bekam einen roten Hoodie — und mochte nicht einmal Rot.
Fünfzehn Jahre später veröffentlichte er Box3D. Immer noch MIT-Lizenz. Immer noch Open Source. Immer noch kostenlos.
Diese Geschichte braucht, wie ich finde, kein pathetisches Ende. Sie muss nur von mehr Menschen gehört werden: Hinter den 「physikalisch realistischen」 Spielen auf Ihrem Handy steht ein Mensch, dessen Namen Sie vermutlich nie gehört haben.
Sein Name ist Erin Catto.
Referenzen: