Die 499-Dollar-"Funkkamera": WiFi-Signale durch Wände hindurch sichtbar machen

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Quellen:HN + Jeff Geerling · HN

Am 10. Juli 2026 veröffentlichte der Hardware-Tester Jeff Geerling ein Video: Er hielt ein handtellergroßes Gerät gegen die Wand seines Arbeitszimmers, und auf dem Bildschirm erschien ein hellblauer Lichtfleck – das 5-GHz-WiFi-Signal seines eigenen Routers. Ein anderer Winkel, Richtung Nachbarwohnung, und auch dessen WiFi-Netz wurde sichtbar, als rot-grüner Fleck auf dem Display.

QuadRF-Antennenarray, Frontansicht Abbildung: QuadRF-Gerät in der Frontansicht, vier Antennen in Array-Anordnung. Quelle: Jeff Geerling

Das Gerät heißt QuadRF, der Crowdfunding-Preis liegt bei 499 Dollar. Der Autor dieses Artikels hat den Preis zweimal überprüft – nicht weil er teuer wäre, sondern weil er verdächtig günstig ist. Geräte, die Funksignale räumlich orten können, hießen bisher: militärische Phased-Array-Radaranlagen.

Kein Radio, sondern eine „Funkkamera”

Zunächst einmal: Was macht das QuadRF eigentlich? Es ist kein herkömmliches Radio – man stellt keinen Sender ein und hört zu. Es funktioniert eher wie eine Kamera, deren Objektiv jedoch nicht sichtbares Licht einfängt, sondern Radiowellen.

An der Gerätevorderseite sitzen vier Antennen in einer quadratischen Anordnung. Alle vier empfangen gleichzeitig dasselbe Signal von derselben Quelle. Entscheidend ist nicht das Empfangen an sich – sondern dass die Ankunftszeit des Signals an jeder der vier Antennen minimal variiert. Diese Unterschiede bewegen sich im Pikosekundenbereich (Billionstel einer Sekunde).

QuadRF-AR-Ansicht: WiFi-Signal über das Smartphone-Kamerabild gelegt Abbildung: Die Augmented-Reality-Oberfläche des QuadRF blendet erkannte WiFi-Signale als farbige Lichtflecken in das Kamerabild des Smartphones ein. Quelle: Jeff Geerling

Woher kommen diese Zeitunterschiede? Die Entfernung von der Signalquelle zu jeder der vier Antennen ist unterschiedlich. Elektromagnetische Wellen breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus – rund 300.000 Kilometer pro Sekunde. Befindet sich die Signalquelle links vor dem Gerät, ist der Weg zur linken Antenne etwas kürzer als zur rechten, und die Welle erreicht die linke Antenne einen winzigen Moment früher. Die Laufzeitdifferenzen zwischen den vier Antennen kodieren die räumliche Position der Signalquelle. Das QuadRF berechnet aus diesen vier Zeitversätzen, aus welcher Richtung das Signal kommt.

Das Prinzip ist nicht neu. Radaranlagen nutzen es seit Jahrzehnten. Neu ist, dass es in einem handtellergroßen, Raspberry-Pi-basierten Open-Source-Gerät steckt – für 499 Dollar.

Warum Wände kein Hindernis sind

WiFi-Signale durchdringen Wände ohnehin – das nutzen Sie jeden Tag. Sie sitzen im Schlafzimmer, der Router steht im Wohnzimmer, zwei Wände dazwischen, und die Verbindung steht trotzdem. Elektromagnetische Wellen bei 2,4 und 5 GHz durchdringen Ziegelwände, Gipskarton und Holzkonstruktionen recht zuverlässig; das Signal wird lediglich gedämpft.

Das QuadRF hat also keine neuartige „Durch-die-Wand”-Technologie erfunden. Es nutzt schlicht die physikalische Tatsache, dass WiFi-Signale Wände durchdringen, und teilt dem Nutzer mit: Sehen Sie, die Signalquelle ist in jener Richtung – auch wenn eine Wand die Sicht versperrt.

Geerling schreibt in seinem Blog-Beitrag mit bemerkenswerter Offenheit: „Ich erwähne das nicht, um Ihnen Angst zu machen – Regierungen verfügen seit Jahren über ähnliche Werkzeuge.” Der Subtext: Die Technik des QuadRF ist nicht neu, aber sie verlagert diese Fähigkeit aus dem exklusiven Bereich von Staat und Militär in die Sphäre von Consumer-Elektronik und Open-Source-Community.

Hier besteht ein scharfer Kontrast: In der physikalischen Welt durchdringen Radiowellen seit jeher frei die Wände – ein kostenloses Geschenk der Natur. Um diese Fähigkeit in ein für Normalverbraucher erschwingliches Gerät zu packen, musste jedoch eine andere „Wand” durchbrochen werden: die Kosten- und Komplexitätshürde von Phased-Array-Antennensystemen.

Konventionelle Phased-Array-Systeme benötigen Taktsynchronisation im Pikosekundenbereich, kohärente Mehrkanal-Signalverarbeitung und komplexe Beamforming-Algorithmen. Jede dieser Anforderungen bedeutet teure Spezialchips, maßgeschneiderte RF-Frontends und proprietäre Software-Stacks. Der Ansatz des QuadRF ist ausgesprochen clever: Ein FPGA übernimmt die präzise Zeitmessung, und die Datenübertragung läuft über den MIPI-Kameraanschluss des Raspberry Pi 5 – ja, genau jenen Flachbandstecker, der normalerweise eine Kamera anbindet.

Der MIPI-Anschluss des Raspberry Pi 5 bietet über 5 Gbit/s Bandbreite, niedrige Latenz und Vollduplex-Datenübertragung – praktisch ohne zusätzliche Hardwarekosten. Das QuadRF-Team notiert dazu in der Dokumentation einen Satz, der nachdenklich macht: „Kameras und Displays sind die ultimative Form der hochratigen Signalübertragung; ihre standardisierten digitalen Schnittstellen eignen sich hervorragend für die Übertragung von Funkdaten.” Der Autor gesteht: Beim Lesen dieser Zeile stellte sich ein „Natürlich!”-Moment ein. Einen Kameraanschluss für Funksignale zu verwenden ist keine grobe Zweckentfremdung, sondern die Erkenntnis, dass beide Signaltypen sich in ihrem Wesen ähneln.

Nicht nur WiFi: Auch Drohnen entkommen nicht

Geerling und sein Vater (ein pensionierter Rundfunktechniker) führten einen noch interessanteren Test durch. Sie ließen eine DJI Mini Pro 4 hinter dem Arbeitszimmer aufsteigen und richteten das QuadRF gen Himmel.

QuadRF in der AR-Ansicht beim Erfassen des 5-GHz-Signals einer Drohne Abbildung: QuadRF im Augmented-Reality-Modus beim Aufspüren einer Drohne; das Signal erscheint als farbiger Lichtfleck. Quelle: Jeff Geerling

Die Drohne wurde sofort erfasst – nicht per visueller Erkennung, nicht per Radar-Rückstreuung, sondern über die Funkverbindung zwischen Drohne und Fernsteuerung. Der Frequenzbereich des QuadRF liegt bei 4,9 bis 6 GHz und deckt damit exakt das C-Band ab, auf dem die meisten Drohnen ihre Bildübertragung abwickeln. Solange eine Drohne in der Luft funkt, kann das QuadRF vom Boden aus präzise ihren Standort anzeigen.

Geerling merkt an, dass er mit zunehmender Entfernung der Drohne die Empfangsverstärkung manuell nachregeln musste, um das Signal weiter verfolgen zu können. Eine automatische Verstärkungsregelung (AGC) wäre seiner Einschätzung nach eine sinnvolle Verbesserung; die derzeitige Bedienoberfläche sei noch nicht ausgereift. Das deckt den aktuellen Entwicklungsstand des QuadRF schonungslos auf: Die Hardware-Plattform funktioniert, aber die Benutzeroberfläche ist noch ein ungeschliffenes „Halbfertigprodukt”. Geerlings eigene Worte: „a little rough in the UI department”. Aus ingenieurstechnischer Sicht ist das eine vernünftige Priorisierung: Das Team hat die Energie zuerst in die Signalkette gesteckt; die Interaktionsschicht kann später folgen.

Das QuadRF ist nicht aus dem Nichts entstanden. Sein Entwickler Martin McCormick arbeitete zuvor bei SpaceX und war an der Entwicklung des Starlink-Terminals („Dishy”) beteiligt. Die weiße, flache Starlink-Antenne ist im Kern ebenfalls ein Phased-Array – Hunderte kleiner Antennenelemente arbeiten zusammen, um den Signalstrahl präzise auf einen mit hoher Geschwindigkeit über den Himmel ziehenden Satelliten auszurichten.

Der Unterschied: Das Starlink-Phased-Array ist in ein geschlossenes kommerzielles System eingesperrt und kann außer Satelliten-Internet nichts. Nach seinem Weggang von SpaceX beschloss McCormick, dieselbe Kerntechnologie als offene, programmierbare Plattform neu aufzubauen – eine, an der Nutzer nach Belieben herumschrauben können. Das QuadRF trägt damit zwei grundverschiedene DNA-Stränge in sich: die präzise RF-Technik der Raumfahrtindustrie und die Offenheit sowie Modifizierbarkeit der Open-Source-Community.

Und das QuadRF ist lediglich der Ausgangspunkt eines viel größeren Plans. McCormicks Unternehmen ScaleRF will letztlich ein „lunares” Antennenarray bauen – mehrere zusammengeschaltete QuadRF-Module, die zu einem riesigen Phased-Array kombiniert werden, für Erd-Mond-Kommunikationsexperimente und radioastronomische Beobachtungen. Die äquivalente Strahlungsleistung im Verbund soll 1,15 Megawatt (EIRP) erreichen. Diese Zahl ist so gewaltig, dass der Autor sie betonen muss: 1,15 Megawatt äquivalente Strahlungsleistung bedeuten, dass das Signal von der Erde zur Mondoberfläche und wieder zurück reicht – die Energieschwelle für sogenannte „EME-Kommunikation” (Earth-Moon-Earth).

Doch zwischen dieser lunaren Roadmap und dem aktuellen 499-Dollar-Consumer-Gerät liegt ein und derselbe Technologie-Stack. Im Kern geht es um eine Sache: Raumfahrt-taugliche RF-Fähigkeiten auf ein für Consumer-Elektronik erreichbares Niveau herunterzubrechen. So wie GPS einst ein rein militärisches Navigationssystem der USA war und Jahrzehnte später zur Standardausstattung jedes Smartphones wurde.

Was 499 Dollar bedeuten

Der Autor möchte hier keine simple Preis-Begeisterung inszenieren. 499 Dollar sind nach wie vor kein Kleingeld – umgerechnet rund 460 Euro, etwa so viel wie ein Mittelklasse-Smartphone.

Entscheidend ist der richtige Bezugsrahmen. Wer vor dem QuadRF ein Gerät zur räumlichen Ortung von Funksignalen besitzen wollte – und sei es nur auf Laborniveau –, musste in der Regel zwischen zehn- und hunderttausend Dollar für professionelle Messinstrumente ausgeben. Oder man baute es selbst aus Einzelteilen, was allerdings gleichzeitige Expertise in HF-Schaltungsdesign, FPGA-Programmierung, digitaler Signalverarbeitung und Antennentheorie voraussetzte. Beide Wege waren für Normalsterbliche denkbar unzugänglich.

Das QuadRF senkt diese Hürde von „Sie brauchen ein professionelles Labor” auf „Sie haben einen Raspberry Pi und können einen Browser öffnen”. Das ist kein Durchbruch bei den Funktionen, sondern bei der Zugänglichkeit. Und Zugänglichkeit ist in der Technologiediffusion oft weitaus bedeutsamer als Leistungskennzahlen.

Geerling schreibt in seinem Fazit einen Satz, den der Autor für bemerkenswert gewichtig hält: „I was skeptical at first about how practical and interesting a handheld phased array would actually be – but after a solid week of use, I can’t wait for my pre-order unit to ship.” Dieser Satz stammt aus der Feder eines Ingenieurs, der jährlich Dutzende Hardware-Produkte testet, und wiegt mehr als jedes Datenblatt.

Geerling weist zudem auf die inhärenten Risiken von Vorproduktions- und Crowdfunding-Hardware hin: Die Software-Oberfläche des QuadRF wird weiterentwickelt, das Gehäuse ist derzeit noch 3D-gedruckt (das Team hat angekündigt, bei ausreichender Crowdfunding-Finanzierung auf Spritzguss umzusteigen), und niemand sollte erwarten, dass das Gerät am Tag nach der Bestellung eintrifft. Diese Hinweise sind für Durchschnittsverbraucher essenziell – Crowdfunding-Hardware funktioniert nicht wie ein Amazon-Lager.

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