Zwei Astronautinnen arbeiten 6 Stunden außerhalb des Raumschiffs: Weltraumspaziergänge werden zur Standardoperation

Zwei Astronautinnen arbeiten 6 Stunden außerhalb des Raumschiffs: Weltraumspaziergänge werden zur Standardoperation

WissenschaftWeltraum

Quellen:HN + web research

Wer im Bekleidungsgeschäft Kleidung kauft und feststellt, dass es im Regal nur noch große Größen gibt, geht als zierliche Person höchstens in ein anderes Geschäft. In 400 Kilometern Höhe im Weltraum ist unpassende Kleidung jedoch nicht nur peinlich. Stimmt die Größe nicht, müssen geplante Arbeitsaufträge mittendrin abgebrochen werden. Eine solche Szene ereignete sich 2019 auf der Internationalen Raumstation.

Am 1. September 2026 (Pekinger Zeit) öffneten zwei Astronautinnen die Luftschleuse (Airlock, die Pufferschleuse, die das Innere der Raumstation mit dem Vakuum außerhalb verbindet). Es handelte sich um die NASA-Astronautin Jessica Meir und die Astronautin der ESA (European Space Agency), Sophie Adenot. Gemeinsam absolvierten sie einen 6 Stunden und 49 Minuten dauernden Wartungseinsatz außerhalb der Station.

Dies war der 6. rein weibliche Weltraumspaziergang (all-female spacewalk) in der Geschichte der Menschheit. Für die Internationale Raumstation (ISS) war dies zudem der 284. Wartungseinsatz im freien Weltraum. Damals wurde das Personal aufgrund nicht passender Kleidung kurzfristig ausgewechselt, heute absolvieren Astronautinnen routinemäßig Einsätze im All. Weltraumoperationen lösen sich vom Standardmaß des männlichen Körpers.

6 Stunden ununterbrochenes Schraubenanziehen außerhalb der Station

In der Vorstellung vieler Menschen ist ein Weltraumspaziergang voller Romantik. Der tatsächliche Einsatz außerhalb der Station ist jedoch schwerste körperliche Arbeit. Astronauten müssen den über hundert Kilogramm schweren Raumanzug (EMU, Extravehicular Mobility Unit, vergleichbar mit einem Mini-Raumschiff, das den ganzen Körper umhüllt) anlegen. Die Temperaturunterschiede im All sind extrem: über 100 Grad Celsius auf der Sonnenseite und bis zu minus 100 Grad im Schatten. In dieser Umgebung müssen sie fast 7 Stunden ununterbrochen arbeiten.

Der Einsatz von Meir und Adenot war dieses Mal keine symbolische Aktion, sondern ein handfester technischer Auftrag. Zunächst installierten sie einen neuen Retroreflektor am vorderen Anschluss des Harmony-Moduls. Dieses Gerät reflektiert das einfallende Licht auf demselben Weg zurück und fungiert als Rückfahrradar für andockende Raumschiffe. Anschließend demontierten sie eine veraltete HD-Kamera, ersetzten sie durch neues Gerät und wischten Proben von Mikroorganismen-Experimenten außerhalb der Station ab. Schließlich verlegten sie ein elektrisches Überbrückungskabel (Jumper Cable, ein flexibles Kabel zur zonenübergreifenden Verbindung von Stromkreisen). Dies ebnet den Weg für den zukünftigen Austausch des Radiators des Alpha-Magnet-Spektrometers (AMS, ein physikalisches Instrument zur Detektion Dunkler Materie).

NASA-Astronautin Jessica Meir vor dem Einstieg in die Quest-Schleuse Abbildung: NASA-Astronautin Jessica Meir bereitet sich auf den Eintritt in die Quest-Luftschleuse vor. Quelle: NASA

Die Internationale Raumstation bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 7,9 Kilometern pro Sekunde und umkreist die Erde alle 90 Minuten einmal. Während der Arbeit im All erleben die Astronauten alle 45 Minuten einen Sonnenauf- und -untergang. Im schnellen Wechsel von Licht und Dunkelheit hängen sie nur an Sicherungsleinen an der Außenwand der Raumstation und ziehen mit dicken, unter Druck stehenden Handschuhen Schrauben an.

Kabelbaum des Raumanzugs klemmte an der Schulter - Reparatur vor Ort

Bei Arbeiten hoch oben im schwerelosen Raum wird jeder noch so kleine Ausrüstungsfehler vergrößert. Kurz nach dem Verlassen der Station spürte Adenot, dass die Beweglichkeit ihres linken Arms eingeschränkt war; das Beugen des Gelenks war behindert. Da Astronauten im All ihre Arme häufig zum Abstützen und Tragen einsetzen müssen, beeinträchtigt eine Behinderung der Arme direkt den Fortschritt der Mission.

Nachdem Meir die Anomalie bemerkt hatte, bewegte sie sich schnell zu ihrer Kollegin, um die Situation zu untersuchen. Sie überprüfte die Schulterstruktur und stellte fest, dass sich der Kabelbaum der elektrischen Heizung, die die Handschuhe warm hält, beim Anziehen verschoben und in der Lücke des Reißverschlusses verklemmt hatte. Meir öffnete den Reißverschluss vor Ort, ordnete den Kabelbaum neu, fixierte ihn und stellte so die Beweglichkeit des Arms ihrer Kollegin wieder her.

Dass die Situation so sauber und zügig bewältigt wurde, ist der jahrelangen Erfahrung der beiden Astronautinnen zu verdanken. Dies war der 7. Weltraumspaziergang in Meirs Karriere und der 3. Einsatz von Adenot. In der Rangliste der Gesamtdauer von Außenbordeinsätzen weiblicher NASA-Astronauten ist Meir bereits auf den 3. Platz vorgerückt, nur noch übertroffen von Peggy Whitson (10 Einsätze) und Suni Williams (9 Einsätze).

Zwei Astronauten bei Strukturwartung und Kabelverlegung außerhalb der Station Abbildung: Die beiden Astronautinnen führen strukturelle Wartungsarbeiten und Kabelverlegungen außerhalb der Raumstation durch. Quelle: NASA

Größenpeinlichkeit vor sieben Jahren erzwang Standardisierung der Ausrüstung

Der heute reibungslose rein weibliche Weltraumspaziergang erlebte vor sieben Jahren einen peinlichen Rückschlag. Im März 2019 plante die NASA den ersten rein weiblichen Außenbordeinsatz durch Anne McClain und Christina Koch. Bei der ersten Anprobe stellte McClain jedoch fest, dass ihr nur das harte Oberteil in Größe Medium passte.

Zu diesem Zeitpunkt war auf der Raumstation jedoch nur ein fertig montiertes Oberteil in Größe Medium vorhanden. Würde ein zu großer Anzug für den Einsatz verwendet, würde der Rumpf im Inneren der Hartschale verrutschen, die Gelenke wären nicht mehr auf die Achsen ausgerichtet und man könnte das Sicherungsseil nicht mehr fest greifen. Um die Sicherheit zu gewährleisten, musste die NASA das Personal kurzfristig austauschen und einen männlichen Astronauten einsetzen.

Dieser Vorfall offenbarte die Konstruktionsgrenzen früherer Weltraumausrüstungen. Bei der Entwicklung der frühen Außenbordanzugsysteme dienten hauptsächlich die Körperdaten von Männern als Maßstab. Ein solcher Raumanzug kostet zig Millionen Dollar, und das Ingenieurteam beschränkte die Anzahl der Modelle, um Kosten zu sparen. Dies führte dazu, dass Astronautinnen mit zierlicherem Körperbau lange Zeit mit dem Problem zu großer und schwer zu bedienender Anzüge konfrontiert waren.

Weltraumspaziergänge erfordern keine Sondergenehmigungen mehr

Im Oktober 2019 verließen Meir und Koch in passenden Medium-Ausrüstungen die Luftschleuse. Sie absolvierten den ersten rein weiblichen Weltraumspaziergang der Menschheit. Damals berichteten die weltweiten Medien intensiv darüber, und große Plattformen übertrugen das Ereignis live, da es als Meilenstein zum Durchbrechen der gläsernen Decke angesehen wurde.

Beim 6. Einsatz im Jahr 2026 war von besonderer werblicher Begleitung nichts mehr zu spüren. Die beiden Astronautinnen arbeiteten wie ganz normale Ingenieure: Werkzeuge prüfen, aus der Luke aussteigen, Reparaturen durchführen und pünktlich zurückkehren. In den vergangenen Jahren haben die Raumfahrtbehörden die Anpassungskonzepte für die Oberteile verbessert und das Trainingssystem in den Unterwasserbecken optimiert. Dadurch erhalten nun Astronauten mit unterschiedlichen Körperproportionen die passende Ausrüstungsunterstützung.

Dass zwei Astronautinnen den 6. rein weiblichen Außenbordeinsatz der Geschichte absolvierten, zeigt, dass der Weltraumspaziergang von einem aufsehenerregenden Highlight zu einer standardisierten Routine wird. Wenn Ausrüstungs- und Trainingssysteme nicht mehr standardmäßig von der männlichen Statur ausgehen, kehrt die Weltraumarbeit zu ihrer eigentlichen technischen Natur zurück. Dies ist auch ein entscheidender Schritt bei der Standardisierung in der Raumfahrttechnik.

Referenzlinks:

  • NASA-Blog: ESA, NASA Astronauts Complete Navigation and Science Spacewalk Outside Station
  • BBC News:Watch: Astronauts set out on rare all-female spacewalk
  • Hintergrund: NASA erster reiner Frauen-Spacewalk 2019 (Raumanzuggrößenproblem)