Fast die Hälfte unseres Genoms stammt von Viren: Wie angebliche Müll-DNA die Evolution antreibt

Fast die Hälfte unseres Genoms stammt von Viren: Wie angebliche Müll-DNA die Evolution antreibt

WissenschaftGesundheit

Quellen:Quanta Magazine

Wenn uns Fieber und Schüttelfrost plagen, versuchen wir mit allen Mitteln, Viren aus unserem Körper zu vertreiben. Doch entrollt man die DNA im Inneren unserer Zellen, zeigt sich ein verblüffender Umstand: Wir selbst bestehen zu beträchtlichen Teilen aus viralen Relikten. Das menschliche Genom umfasst rund drei Milliarden Basenpaare.

Nahezu die Hälfte dieser gewaltigen Sequenz entfällt auf Transposons. Diese DNA-Abschnitte besitzen die bemerkenswerte Fähigkeit, sich innerhalb des Erbguts selbst zu vervielfältigen und ihre Position zu verändern – vergleichbar mit einer internen Kopier- und Ausschneidefunktion des genetischen Materials. Rund 8 Prozent unseres Genoms sind sogar Überbleibsel uralter Retroviren, die einst ihr Erbgut direkt in die Wirts-DNA einschleusten und sich wie fremder Code im Fundament unserer Biologie festsetzten.

Lange Zeit betrachteten Biologen diese mobilen Sequenzen schlicht als nutzlosen genetischen Müll („Junk-DNA“) oder eigennützige Parasiten. Dank moderner Sequenziertechnologien wissen wir heute jedoch: Diese rastlos springenden Elemente haben ihren Wirt nicht ins Verderben gestürzt. Ganz im Gegenteil wurden sie zu einem unverzichtbaren Triebwerk für rapide evolutionäre Neuerungen.

Die Hälfte unserer 3 Milliarden Basenpaare ist ständig in Bewegung

Veranschaulicht man die Dimensionen des menschlichen Genoms an einem greifbaren Modell, wird das Ausmaß dieser viralen Besiedlung erst recht deutlich. Wäre die DNA im Zellkern ein 3.000 Seiten starkes biologisches Handbuch, würden all jene Gene, die für den Aufbau unseres Körpers und dessen physiologische Funktionen zuständig sind, gerade einmal etwa 45 Seiten füllen – magere 1,5 Prozent des gesamten Buches.

Die restlichen mehr als 1.500 Seiten bestehen fast durchgehend aus mobilen genetischen Elementen. Den Löwenanteil machen Retrotransposons aus: Sie werden zunächst in mobile RNA umgeschrieben und an anderer Stelle im Erbgut wieder in DNA rückübersetzt. Durch dieses fortlaufende Kopieren und Einfügen haben sie sich im Lauf der Jahrmillionen tief im Genom eingenistet.

Illustration eines DNA-Transposons beim Positionswechsel Abbildung: Ein DNA-Transposon löst sich aus einem Chromosom und fügt sich an anderer Stelle wieder ein. Quelle: Samuel Velasco / Quanta Magazine

Allein die viralen Narbengewebs-Sequenzen im Genom übertreffen die Menge aller Proteine kodierenden menschlichen Gene um mehr als das Fünffache. Sie infizierten unsere fernen Vorfahren vor zig Millionen Jahren, verankerten ihren Code in der Keimbahn-DNA und wurden über zahllose Generationen hinweg bis in unsere Gegenwart weitervererbt.

Wie gefleckte Maiskörner die Genetik revolutionierten

Der Weg zur Entdeckung der springenden Gene war steinig und von tiefem Misstrauen geprägt. Bereits in den 1940er-Jahren fiel der US-amerikanischen Genetikerin Barbara McClintock bei der Untersuchung von Maiskolben am Cold Spring Harbor Laboratory ein ungewöhnliches Phänomen auf: Maiskörner desselben Kolbens wiesen regelmäßig unregelmäßige, gesprenkelte Farbmuster auf.

Bei akribischen mikroskopischen Analysen der Chromosomenstrukturen schloss McClintock messerscharf, dass Gene keineswegs starr wie Perlen auf einer Schnur angeordnet sind. Bestimmte genetische Einheiten konnten vielmehr von ihrem ursprünglichen Platz abspringen, sich mitten in ein Pigmentgen setzen, dessen Funktion unterbrechen und später wieder weiterspringen, woraufhin die Pigmentbildung erneut einsetzte.

Genetikerin Barbara McClintock Abbildung: Die Genetikerin Barbara McClintock am Mikroskop; 1983 erhielt sie für die Entdeckung der Transposons den Nobelpreis. Quelle: Smithsonian Institution Science Service

In einer Ära, die felsenfest von der unverrückbaren Position jedes Gens überzeugt war, eilte McClintocks Entdeckung ihrer Zeit um ein halbes Jahrhundert voraus und stieß zunächst auf breite Skepsis in der Fachwelt. Erst als die Molekularbiologie in den 1980er-Jahren die physische Existenz von Transposons zweifelsfrei nachwies, erhielt McClintock 1983 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Wie ein springendes Gen den Birkenspanner um 1819 tiefschwarz färbte

Während McClintocks Forschungen die zelluläre Mechanik enthüllten, demonstrierte der Fall des britischen Birkenspanners (Biston betularia) die explosive Schubkraft mobiler Gene in freier Wildbahn. Vor der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert waren die Falter nahezu ausnahmslos hellgrau gefärbt, was ihnen auf den flechtenbewachsenen Baumstämmen eine perfekte Tarnung bot.

Als Ruß und Industrieabgase die Wälder schwärzten, gewann eine tiefschwarze Variante innerhalb weniger Jahrzehnte die Oberhand. Im Jahr 2016 gelang es Forschern, das Genom des Falters zu entschlüsseln: Mitten im Gen cortex, das für die Flügelentwicklung verantwortlich ist, entdeckten sie eine massive Transposon-Insertion.

Helle und dunkle Form des Birkenspanners auf Baumrinde Abbildung: Helle und melanische Form des Birkenspanners auf Rinde; die dunkle Morphe entstand durch die Insertion eines Transposons. Quelle: Ian Redding

Berechnungen ergaben, dass dieser genetische Sprung um das Jahr 1819 stattfand. Pierre Baduel, Genetiker am französischen Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) in Paris, betonte, dass dieser Befund das Verständnis von evolutionärer Schnelligkeit grundlegend revidierte: Während klassische Punktmutationen zehntausende Jahre für nennenswerte Effekte benötigen, kann ein einziger Sprung eines Transposons über Nacht ein völlig neues Merkmal hervorbringen, das der natürlichen Selektion sofort zur Verfügung steht.

Darüber hinaus springen Transposons nicht nur innerhalb eines Organismus oder einer Art umher, sondern überwinden mitunter die Artgrenzen gänzlich. Eine Studie aus dem Jahr 2020 an 307 Wirbeltiergenomen dokumentierte fast 1.000 horizontale Gentransfers. Häufig dienen dabei wasserlebende Viren als Transporter, um genetische Elemente zwischen verschiedenen Fischarten hin und her zu befördern.

Wie Säugetiere virale Überreste nutzten, um neues Leben hervorzubringen

Wäre die Wirkung von Transposons auf Farbänderungen bei Insekten beschränkt, blieben sie eine biologische Randnotiz. Tatsächlich tragen die komplexesten Organe höherer Tiere und des Menschen die unverwechselbare Handschrift dieser domestizierten Elemente.

Ein herausragendes Beispiel ist die Plazenta der Säugetiere. Um mütterliches und fötales Blut strikt voneinander zu trennen und zugleich Nährstoffe hocheffizient zu transportieren, bedarf es einer spezialisierten Zellfusionsmembran. Biologen fanden heraus, dass das Schlüsselprotein für diesen zellulären Zusammenschluss auf ein uraltes Hüllgen eines Retrovirus zurückgeht, das von frühen Vorfahren der Säugetiere gekapert und gezähmt wurde.

Aus einer viralen Waffe, die ursprünglich dazu diente, in fremde Wirtszellen einzudringen, formte das Genom der Säugetiere einen lebenswichtigen Baustein für die Organbildung. Ohne diesen viralen Erbschein wäre die monatelange Schwangerschaft im Mutterleib, die unsere Linie definiert, schlichtweg unmöglich.

Auch die Entstehung des Wirbeltierauges und das ausgefeilte adaptive Immunsystem kiefertragender Wirbeltiere verdanken ihre Entstehung maßgeblich dem genetischen Material springender Transposons. Die Eindringlinge töteten ihren Wirt nicht, sondern ebneten ihm den Weg zu völlig neuen evolutionären Erfolgen.

Wie aus Abwehrmechanismen gegen Parasiten zelluläre Steuerungsschalter wurden

Obwohl die ständige Mobilität von Transposons enorme Schöpfungskraft birgt, birgt ein zügelloses Herumspringen existenzielle Gefahren: Werden lebenswichtige Gene willkürlich zerschnitten, droht der Zelltod. Um dieses Chaos im Erbgut zu bändigen, bildeten Organismen ein ausgefeiltes Abwehrsystem aus.

Zellen lernten, sich der epigenetischen Stilllegung (epigenetic silencing) zu bedienen – einem chemischen Markierungsmechanismus, der die Genaktivität drosselt oder völlig abschaltet, ohne die DNA-Sequenz selbst zu verändern, ganz ähnlich einer Schutzabdeckung über empfindlichen Schaltern. Susan Wessler, emeritierte Genetikerin an der University of California, Riverside, wies nach, dass genau diese Riegel, die einst zur Abwehr genetischer Parasiten erfunden wurden, von den Zellen später für die eigene Genregulation adaptiert wurden.

Jede Zelle unseres Körpers verfügt über exakt denselben DNA-Bauplan, vermag sich jedoch in Hunderte grundverschiedener Gewebe und Zelltypen zu differenzieren. Dieses hochkomplexe Netzwerk aus genetischen Ein- und Ausschaltern beruht zu weiten Teilen auf jenen chemischen Barrieren, die einst errichtet wurden, um Transposons in Schach zu halten.

Wie der Genetiker Cédric Feschotte von der Cornell University resümierte, sind diese viralen Sequenzen keine bloßen Passagiere. Sie koevolvieren seit Anbeginn mit dem Leben. Nahezu die Hälfte unseres Genoms besteht aus diesen mobilen viralen Relikten – und sie bilden den erfindungsreichsten Werkzeugkasten, den das Leben im Angesicht ständiger Umweltveränderungen besitzt.

Weiterführende Links:

  • Quanta Magazine: How Virus-like ‘Jumping Genes’ Became Our Partners in Evolution