25 Jahre nach 9/11: 150.000 Menschen warten weiter auf medizinische Versorgung

25 Jahre nach 9/11: 150.000 Menschen warten weiter auf medizinische Versorgung

WissenschaftGesundheit

Quellen:HN + web research

Während die Berichterstattung zum 25. Jahrestag die Schlagzeilen beherrscht, glauben viele Menschen, die Katastrophe gehöre längst der Vergangenheit an. Doch für die damaligen Rettungskräfte und die Anwohner von Lower Manhattan haben sich die Spuren der Zerstörung dauerhaft in ihre Körper eingebrannt. Im September 2026 gab die Stadt New York rund 170.000 Dokumente aus jener Zeit frei. Die Akten belegen, dass die damaligen Behörden der Öffentlichkeit keineswegs alle bekannten Umwelt- und Gesundheitsrisiken vollständig offengelegt hatten.

Bis zum Sommer 2026 überstieg die Zahl der registrierten Teilnehmer im World Trade Center Health Program die Marke von 154.000 Personen. Der US-Kongress hat die Finanzierung des Programms bis ins Jahr 2090 verlängert. Damit hat sich die Bundesregierung verpflichtet, die Überlebenden dieser Katastrophe fast ein ganzes Jahrhundert lang medizinisch zu versorgen. Dies entspricht der Bevölkerung einer mittelgroßen Stadt – Menschen, die auch 25 Jahre nach dem Einsturz der Türme für Behandlungen und Medikamente gegen die Spätfolgen des giftigen Staubs anstehen.

Polizisten und Feuerwehrleute marschieren mit US-Flaggen bei der Gedenkfeier zum 20. Jahrestag von 9/11 im Jahr 2021 Abbildung: Polizisten und Feuerwehrleute marschieren mit US-Flaggen bei der Gedenkfeier zum 20. Jahrestag von 9/11 im Jahr 2021. Quelle: Science News

150.000 Betroffene stehen auch nach 25 Jahren für lebenslange Versorgung an

Um den langfristigen Gesundheitsschäden zu begegnen, verabschiedete der US-Kongress 2011 ein Bundesgesetz zur Gründung des World Trade Center Health Program (WTC Health Program). Geleitet vom National Institute for Occupational Safety and Health (NIOSH), bietet das Programm Einsatzkräften, Bergungsteams und Anwohnern eine vollständig kostenlose Vorsorge, Überwachung und Behandlung.

Am Morgen der Anschläge räumte das Bellevue Hospital in Lower Manhattan seine Notaufnahme, um sich auf einen massiven Ansturm von Schwerverletzten vorzubereiten. Damals diensthabende Ärzte erinnerten sich an eine beklemmende Szene: Im Schockraum warteten weit mehr Ärzte als eintreffende Patienten. Die überwiegende Mehrheit der Opfer war unmittelbar am Anschlagsort ums Leben gekommen und erreichte die Notaufnahmen gar nicht erst. Der eigentliche medizinische Marathonlauf begann erst Jahre später, als sich verzögert auftretende chronische Leiden bemerkbar machten.

Mit wachsender Teilnehmerzahl wandelte sich das Beschwerdebild der Patienten von akutem Husten und Bronchitis hin zu chronischen Systemerkrankungen und Tumoren. Denise Harrison, ärztliche Leiterin des WTC Health Program an der New York University, brachte es auf den Punkt: „Die meisten Katastrophen enden keineswegs in dem Moment, in dem die Trümmer beseitigt sind.“

Zwei Wochen giftiger Staub: Wie die Trümmerwolke den Magen-Darm-Trakt von 39 % der Helfer veränderte

Der Einsturz der Zwillingstürme wirbelte riesige Staubmengen auf, die fast zwei Wochen lang über Manhattan hingen, bis sie schließlich durch Regenfälle gebunden wurden. Die monatelangen Aufräumarbeiten führten immer wieder zu erneuten Feinstaubaufwirbelungen. Laboranalysen des Staubs wiesen hohe Konzentrationen von Schwermetallen, Blei, Pestiziden und Hunderten hochgiftigen organischen Substanzen nach.

Zu den primären Karzinogenen im Staub zählten Asbest (asbestos: feine Mineralfasern, die zwar feuerfest sind, beim Einatmen jedoch tief in die Lunge vordringen und Lungenkrebs sowie Pleuramesotheliome auslösen) und kristallines Siliziumdioxid. Das Verbrennen von Tausenden Litern Kerosin und geborstenen Gasleitungen setzte zudem gigantische Mengen an PAK (Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe / PAH: hochgradig krebserregende Substanzen aus unvollständiger Verbrennung) frei.

Dieser toxische Cocktail schädigte lebenswichtige Organe dauerhaft. In einer Langzeitkohorte von mehr als 27.000 Einsatzkräften stieg die Prävalenz der gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD / Gastroesophageal Reflux Disease: das krankhafte Zurückfließen von Magensäure in die Speiseröhre, das zu schwerem Sodbrennen und Schleimhautschäden führt) drastisch an. Die Erkrankungsrate kletterte von rund 6 % vor den Anschlägen auf 39 % neun Jahre danach. Fast vier von zehn Einsatzkräften leiden heute unter chronischem Säurereflux.

Auch unter den Feuerwehrleuten des New York City Fire Department (FDNY) traten obstruktive Atemwegserkrankungen in beispiellosem Ausmaß auf. Viele Einsatzkräfte ohne klassische Risikofaktoren wie Übergewicht oder hohes Alter entwickelten eine obstruktive Schlafapnoe. Iris Udasin, Direktorin des Rutgers WTC Health Program, erläuterte, dass die toxischen Partikel die Schleimhäute der oberen Atemwege und Nasennebenhöhlen zerstört hätten. Die chronische Entzündung der Nasennebenhöhlen erwies sich als eigenständiger Hauptrisikofaktor für die Entstehung der Schlafapnoe.

Jahrzehnte im Verborgenen: Späte Krebserkrankungen häufen sich

Neben Atemwegs- und Magen-Darm-Erkrankungen wurden Dutzende Krebsarten zweifelsfrei mit der Exposition am Ground Zero in Verbindung gebracht. Dazu zählen Prostatakrebs, Hautkrebs, Schilddrüsenkrebs sowie das multiple Myelom (multiple myeloma: eine bösartige Neubildung der Plasmazellen im Knochenmark).

Eine im Fachjournal JAMA (Journal of the American Medical Association) veröffentlichte Langzeitstudie mit 55.000 exponierten Personen lieferte eindeutige Daten: In der Gruppe der Bergungs- und Rettungsarbeiter stieg das Risiko für Prostatakrebs leicht an, während sich das Risiko für Schilddrüsenkrebs verdoppelte. Das Risiko für ein multiples Myelom verdreifachte sich nahezu. Bei Passanten hingegen, die sich nur kurzzeitig in der Umgebung aufhielten, zeigte sich bei 23 untersuchten Krebsarten kein signifikanter Anstieg. Dies belegt, dass die anhaltende Exposition gegenüber extrem dichten Staubkonzentrationen der entscheidende Auslöser war.

Solche Krebserkrankungen weisen Latenzzeiten von zehn bis zwanzig Jahren auf. Viele Helfer erhielten ihre Tumordiagnose völlig überraschend bei Routineuntersuchungen, mehr als ein Jahrzehnt nachdem ihr Einsatz am Ground Zero beendet war.

Luftaufnahme des Geländes des World Trade Center vom 23. September 2001 mit Kennzeichnung der ursprünglichen Gebäudestandorte Abbildung: Luftaufnahme des Geländes des World Trade Center vom 23. September 2001 mit Kennzeichnung der ursprünglichen Gebäudestandorte. Quelle: Wikimedia Commons / NOAA

Nach dem Renteneintritt bricht der Halt weg: Das verzögerte Wiederaufflammen der Traumata

Noch unauffälliger und heimtückischer als die körperlichen Leiden sind die psychischen Wunden. Bei den Einsatzkräften liegen die Raten von PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung / PTSD: anhaltende seelische Erkrankung nach lebensbedrohlichen Erlebnissen mit unkontrollierbaren Flashbacks, emotionaler Taubheit und schweren Ängsten), Depressionen und Angststörungen weit über dem Bevölkerungsdurchschnitt.

Geprägt von einer Berufskultur, die Stärke und Unverwundbarkeit fordert, bissen viele Polizisten und Feuerwehrleute jahrelang die Zähne zusammen. Professionelle Hilfe suchten die meisten erst dann auf, wenn der seelische Zusammenbruch unausweichlich geworden war.

Für viele diente die tägliche Arbeit jahrzehntelang als psychologischer Schutzschild. Die Routine und Kameradschaft boten Halt und verdrängten das Geschehene. Als die Helfer jedoch in den Ruhestand traten und die vertrauten Alltagsstrukturen wegfielen, brach das verdrängte Trauma mit voller Wucht wieder auf. Hinzu kommen quälende Überlebenden-Schuldgefühle (Survivor’s Guilt) gegenüber verstorbenen Kollegen, die viele bis heute begleiten.

Ein Helfer, der nach einer Mundhöhlenkrebs-Operation schwere Gesichtsverletzungen davontrug, litt unter unkontrollierten Wutausbrüchen gegenüber seinen Angehörigen. Erst nach einer gezielten psychiatrischen Behandlung fand die Familie wieder ins seelische Gleichgewicht. Jodi Streich, Leiterin des Bereichs psychische Gesundheit am Rutgers WTC Health Program, betont, dass Gedenktage und Medienberichte alte Erinnerungen schlagartig wiederbeleben: Diese seelischen Traumata verschwinden keineswegs mit dem Ende der Gedenkfeiern.

Feinstaub und chronisches Trauma: Wie die Doppelbelastung das Alter bedroht

Heute haben die meisten damaligen Rettungskräfte das 50. oder 60. Lebensjahr erreicht. Typische Altersleiden wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes überlagern sich nun mit den chronischen Folgeschäden von 9/11. Diese Multimorbidität erschwert die klinische Behandlung erheblich.

Neueste neurologische Langzeitbeobachtungen zeigen zudem ein beunruhigendes Phänomen: Das Risiko für demenzähnliche kognitive Dysfunktionen steigt in der Kohorte deutlich an. Die wissenschaftlichen Belege deuten auf ein verheerendes Zusammenspiel aus neurotoxischer Feinstaubbelastung und jahrzehntelanger chronischer PTBS hin. Die Überlagerung physischer und psychischer Traumata entfaltet im Alter eine noch zerstörerischere Dynamik.

Die gesundheitlichen Folgen einer Großkatastrophe reichen weit über das unmittelbar sichtbare Ausmaß der Zerstörung hinaus. Vom zweiwöchigen Giftstaub bis hin zu jahrzehntelangen chronischen Leiden schreibt sich das Trauma von 9/11 in den Krankenakten von über 150.000 Menschen fort. Die Trümmer wurden innerhalb von acht Monaten weggeräumt – doch die Begleichung der gesundheitlichen Gesamtrechnung wird fast ein ganzes Jahrhundert in Anspruch nehmen.

Weiterführende Links:

  • Science News: 25 Jahre nach 9/11 – Die gesundheitlichen Spätfolgen dauern an
  • JAMA-Forschungsbericht: Untersuchung des Krebs- und Krankheitsrisikos nach WTC-Exposition