19. September: Wassertemperaturen steigen um 3,05 °C und brechen den Rekord von 2015 in der Frühphase
Ende September 2026 bemerkten viele Menschen bei der Urlaubs- und Reiseplanung für den Frühherbst eine Reihe eigentümlicher Wetteranomalien. In Indien und weiten Teilen Südasiens litten Agrarregionen unter ausbleibenden Monsunregenfällen und Ernteausfällen. Gleichzeitig erlebten beliebte Feriengebiete im Atlantik eine beispiellose Ruhe: Bis weit in den September hinein bildete sich nicht ein einziger Hurrikan. Diese scheinbar unzusammenhängenden meteorologischen Erscheinungen haben ihren gemeinsamen Ursprung tief im Pazifischen Ozean, wo sich das Meerwasser auf extreme Rekordwerte aufgeheizt hat.
Am 19. September 2026 erreichte die tägliche Anomalie der Meeresoberflächentemperatur (SST Anomaly) im zentral-östlichen Äquatorialpazifik einen Wert von +3,05 °C. Diese Temperaturanomalie beziffert, wie weit die Oberflächentemperatur an einem bestimmten Tag über oder unter dem langjährigen historischen Durchschnitt liegt. Damit wurde der bisherige historische Höchstwert von 3,02 °C übertroffen, der während des Ausnahme-El-Niño von 2015 aufgestellt worden war. Das Phänomen El Niño – spanisch für „das Christuskind“ – bezeichnet eine wiederkehrende Erwärmung des tropischen Pazifiks, die alle zwei bis sieben Jahre auftritt und meist etwa ein Jahr anhält.
Ein Temperaturanstieg von 3,05 °C mag auf einem Fieberthermometer geringfügig erscheinen. Verteilt über Millionen Quadratkilometer offenen Ozeans summiert sich dies jedoch zu einer astronomischen Menge gespeicherter thermischer Energie. Seit dem Beginn systematischer Messungen im Jahr 1950 hat keine tägliche Temperaturkurve der Ozeane je diesen Wert erreicht. Professor Adam Scaife, Leiter der Abteilung für Langfristvorhersagen beim britischen Wetterdienst Met Office, betonte, die Meteorologie habe bereits seit Monaten vor einem historischen Ereignis gewarnt; die neuen Messdaten belegten nun die gewaltige Dimension der aktuellen Entwicklung.
Besonders alarmierend ist der Zeitpunkt dieses Rekords. Bei früheren El-Niño-Episoden wurde der Scheitelpunkt der Wassertemperaturen üblicherweise erst gegen Ende des Jahres, zwischen November und Januar, erreicht. Diesmal fiel der Rekord bereits in der Frühphase, viele Wochen vor dem erwarteten Maximum.
Eine Anomalie von 3 °C: Gigantische Wärmemengen fließen in das Klimasystem
Um die Wucht von +3,05 °C zu begreifen, hilft der Vergleich mit einem gewaltigen Tauchsieder im Ozean. Unter normalen Bedingungen wehen entlang des Äquators beständige Passatwinde (Trade Winds) von Ost nach West. Sie schieben das durch die Sonneneinstrahlung erwärmte Oberflächenwasser in Richtung Asien und Australien, sodass der Westpazifik warm bleibt, während vor der südamerikanischen Küste kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser aufsteigt.
Setzt ein El Niño ein, schwächen sich die Passatwinde ab oder kehren sich sogar um. Ohne den bremsenden Wind driftet die riesige Warmwassermasse nach Osten, woraufhin sich der zentrale und östliche Pazifik drastisch erwärmt. Meteorologisch wird ein El Niño ausgerufen, sobald die Wassertemperaturen in den Referenzzonen über einen längeren Zeitraum mindestens 0,5 °C über dem Normalwert liegen.
Bei einer aktuellen Anomalie von 3,05 °C gibt der Ozean gigantische Mengen gespeicherter Wärme an die Atmosphäre ab. Da Wasser pro Volumeneinheit über tausendmal mehr Wärme speichern kann als Luft, setzt jedes zusätzliche Grad in diesem riesigen Meeresgebiet Energiemengen frei, die den jährlichen Energieverbrauch der gesamten Menschheit weit übertreffen.
Dieser thermische Impuls verändert die weltweiten Strömungsverhältnisse der Atmosphäre grundlegend. Feuchtwarme Luftmassen steigen über dem östlichen Pazifik mit enormer Wucht auf, entziehen Südostasien und Australien lebenswichtige Niederschläge und bringen die weltweiten Wettermuster durcheinander.
Zwei Messindizes im Fokus: ONI versus RONI und der wahre Energiescheitelpunkt zum Jahresende
In der wissenschaftlichen Analyse stützen sich Klimaforscher auf zwei maßgebliche Indizes. Der erste ist der Oceanic Niño Index (ONI), der die absolute Anomalie der Meeresoberflächentemperatur gegenüber dem historischen Mittelwert abbildet. Der zweite ist der Relative Oceanic Niño Index (RONI). Dieser Index rechnet die allgemeine globale Erwärmung der Ozeane heraus, um die isolierte relative Intensität des El-Niño-Musters selbst zu bestimmen.
Der am 19. September erzielte Rekordwert beruht auf der absoluten Anomalie gemäß ONI-Index. Betrachtet man den RONI, so hat der aktuelle El Niño den Höchststand von 2015 noch nicht ganz erreicht, weil die weltweiten Ozeane heute im Mittel wärmer sind als vor elf Jahren und das Grundniveau entsprechend höher liegt.
Dieser Unterschied in der Berechnungsmethodik beruhigt die Meteorologen keineswegs. Wenn ein ohnehin wärmerer Ozean als Basis dient, ist die Gesamtwärme, die ein El Niño zusätzlich in das Klimasystem einspeist, umso dramatischer.
Entscheidend ist zudem: Der Prozess der Wärmeakkumulation ist noch nicht abgeschlossen. Da das Temperaturmaximum regelmäßig erst zum Jahresende erreicht wird, rechnen Wissenschaftler in den kommenden Wochen mit weiteren Spitzenwerten.
Prognosen werden Realität: Waldbrände in Indonesien und eine historische Hurrikan-Flaute im Atlantik
Anders als noch vor wenigen Monaten sind die Folgen des erhitzten Pazifiks keine Computersimulationen mehr, sondern schlagen sich in handfesten Beobachtungen nieder. Südostasien, Südasien und das Atlantikbecken spüren die Auswirkungen dieser marinen Hitzewelle zeitgleich.
In Indonesien hat extreme Trockenheit ausgedehnte Wald- und Torfbrände entfacht. Nach Angaben des indonesischen Gesundheitsministeriums sind rund 12,5 Millionen Menschen von dichtem Rauch und Dürre betroffen, was die Ernteerträge dezimiert und die Atemwegsgesundheit der Bevölkerung massiv gefährdet.
Abbildung: Feuerwehrleute in Indonesien bekämpfen Brände, die durch die El-Niño-Dürre entfacht wurden. Rund 12,5 Millionen Menschen sind von Rauch und Trockenheit betroffen. Quelle: Anadolu / Getty Images, BBC
In Südasien belegen Daten des indischen Wetterdienstes, dass der Sommermonsun bis zum 22. September 15 % weniger Niederschlag brachte als im langjährigen Mittel. Das Regendefizit gefährdet die Herbsternte hunderter Millionen Landwirte und schürt erhebliche Preisrisiken an den internationalen Agrarmärkten.
Im Atlantik wiederum zeigt sich das gegenteilige Extrem. Im Jahr 2026 bildete sich bis Ende September kein einziger Hurrikan – der späteste Termin für den ersten Hurrikan der Saison seit Beginn der satellitengestützten Sturmbeobachtung. Ursache dafür ist die durch El Niño ausgelöste starke vertikale Windscherung in höheren Atmosphärenschichten: Wie ein riesiger Ventilator weht diese Höhenströmung aufkeimende Gewitterwolken auseinander, bevor sie sich zu tropischen Wirbelstürmen formieren können.
Abbildung: Karte der typischen globalen Niederschlagsanomalien bei El Niño: Trockenheit im Norden Südamerikas, in Südostasien und Australien; feuchteres Wetter im Süden der USA. Quelle: BBC Weather
Während an den Küsten Perus und Ecuadors schwere Unwetter und Überschwemmungsgefahren drohen, ächzen Australien und Südostasien unter Dürre und Feuersbrünsten. Dieses Super-El-Niño-Ereignis zeichnet die globale Niederschlagskarte in Echtzeit neu.
Wärmereserven übertreffen alle historischen Vergleichswerte – die globalen Auswirkungen beginnen erst
Dass El Niño bereits Wochen vor seinem Scheitelpunkt Temperaturrekorde bricht, zeigt, dass das im Ozean gespeicherte Wärmepotenzial alle historischen Vergleichswerte übersteigt. Schon auf halber Strecke neue Rekorde aufzustellen, belegt, dass tiefere Meeresschichten weitaus mehr Energie akkumuliert haben als ursprünglich angenommen.
Forscher weisen allerdings darauf hin, dass ein neuer Temperaturrekord nicht zwangsläufig bedeutet, dass sich Unwetterschäden überall auf der Welt verdoppeln. Die Rückkopplungsmechanismen des Klimasystems sind hochkomplex und die konkreten Folgewirkungen Gegenstand laufender Auswertungen.
Doch es handelt sich keineswegs um ein fernes Naturschauspiel. Von den Lebensmittelpreisen im Supermarkt bis hin zu abrupten regionalen Wetterkapriolen beeinflusst dieses Phänomen das Leben von Millionen Menschen ganz unmittelbar.
Das thermische Fieber im tropischen Pazifik hat erst seinen Anfang genommen. Mit dem Herannahen des Höhepunkts zum Jahresende stehen den weltweiten Wettersystemen noch weit größere Bewährungsproben bevor.
Weiterführende Links:
- BBC Weather Bericht