Am 10. Juli reichte Apple Klage gegen OpenAI ein mit dem Vorwurf, zwei ehemalige Mitarbeiter hätten beim Firmenwechsel vertrauliche Geschäftsgeheimnisse entwendet. Am 4. August legte Apple neue Gerichtsunterlagen nach: Die Ermittlungen wurden auf 11 weitere Ex-Mitarbeiter ausgeweitet. Einigen wird vorgeworfen, vor ihren Bewerbungsgesprächen bei OpenAI interne Apple-Dokumente heruntergeladen zu haben; andere sollen sich bei Treffen mit Komplizen über noch nicht veröffentlichte Produkte ausgetauscht haben. Was als Streit um ausscheidende Mitarbeiter begann, entwickelt sich zu einer Silicon-Valley-weiten Schlammschlacht vor Gericht.
Basierend auf öffentlich zugänglichen Informationen fasst dieser Beitrag die Hintergründe und Entwicklungen zusammen.
Was Apple vor Gericht fordert
Apple hat beim Gericht zwei wesentliche Anordnungen beantragt. Erstens eine einstweilige Verfügung: OpenAI soll es untersagt werden, die Entwicklung von AI-Hardwaregeräten auf Basis von Apple-Technologien voranzutreiben. Zweitens ein beschleunigtes Beweisaufnahmeverfahren (Accelerated Discovery) – da der reguläre Prozess zu langsam sei und die Gefahr bestehe, dass Beweismittel vernichtet werden. Zudem wurde die Liste der Beklagten von einzelnen Ingenieuren auf OpenAI selbst, dessen Stiftung sowie das von dem ehemaligen Apple-Chefdesigner Jony Ive mitbegründete Hardware-Unternehmen „io“ ausgeweitet.
Die Verschärfung der Forderungen spricht Bände: Aus den Unterlagen geht hervor, dass Apple über weitaus mehr Spuren verfügt, als in der ursprünglichen Klageschrift offengelegt wurden.
Die Vorwürfe: Laptops, Leaks und Hardware-Präsentationen beim Bewerbungsgespräch
Die konkreten Anschuldigungen konzentrieren sich vor allem auf zwei Personen.
Chang Liu, einem ehemaligen Apple-Ingenieur, wird vorgeworfen, bei seinem Ausscheiden ein von Apple gestelltes Laptop behalten und über eine Sicherheitslücke bei der Authentifizierung erneut auf das interne Apple-Netzwerk zugegriffen zu haben, um „dutzende vertrauliche Hardware-Dateien“ herunterzuladen. Noch gewichtiger ist der Fall von Tang Yew Tan – ehemals Vice President bei Apple und heute Chief Hardware Officer bei OpenAI. Laut Klageschrift soll Tan noch bei Apple beschäftigte Bewerber angewiesen haben, „physische Bauteile“ direkt zu Vorstellungsgesprächen bei OpenAI mitzubringen und vor Ort zu demonstrieren. Apple formulierte es drastisch: Das Hardware-Geschäft von OpenAI sei „bis in den Kern verrottet“.
Foto: Sam Altman (links) und Tim Cook (rechts) bei einem gemeinsamen Abendessen im Jahr 2025; zwei Jahre später stehen sich ihre Unternehmen vor Gericht gegenüber. Quelle: techcrunch.com
OpenAIs Reaktion: „Eure Tür war nicht abgeschlossen“
OpenAI schlug in einem offiziellen Blogbeitrag öffentlich zurück: Apples Antrag auf eine einstweilige Verfügung basiere auf „falschen Informationen und sei völlig unnötig“, da man „keine Geschäftsgeheimnisse von Apple besitze und auch keine haben wolle“. Zudem deckte OpenAI einige peinliche Pannen auf Apples Seite auf: So habe Apple zwei Mitarbeiter mit ähnlichen Nachnamen verwechselt und E-Mails falsch adressiert; behauptete Gespräche mit dem Chefjuristen von OpenAI hätten in Wahrheit nie stattgefunden; und Sicherheitslücken bei Apple erlaubten es ehemaligen Mitarbeitern selbst nach ihrem Ausscheiden, sich weiterhin in interne Systeme einzuloggen.
Das Bild ist von einer prägnanten Gegenüberstellung geprägt: Apple wirft Diebstahl vor, OpenAI kontert mit mangelnder Sicherung der eigenen Systeme. Die Wahrheit dürfte wie so oft in der Mitte liegen. Doch lohnt sich dieser Kampf für Apple? Aus Apples Sicht definitiv – und das aus guten Gründen.
Warum Apple so nervös ist
Apples Nervosität hat handfeste wirtschaftliche Gründe. OpenAI gab im vergangenen Jahr 6,4 Milliarden US-Dollar aus, um das von Jony Ive gegründete Hardware-Startup zu übernehmen. Ive ist der prägende Kopf hinter dem iPhone-Design und gehörte zum innersten Zirkel von Apples streng gehüteter Geheimhaltungskultur. Ein primär auf Software ausgerichteter AI-Gigant stößt nun mit immensem Kapital und Apples vertrautestem Designer direkt in Apples Kernkompetenz – den Hardwarebereich – vor. Die Zahl von 6,4 Milliarden Dollar verdeutlicht, dass OpenAI es ernst meint.
Zudem ist der Zeitpunkt extrem brisant. Apple hatte OpenAI bereits im Februar dieses Jahres seine Bedenken mitgeteilt, darauf jedoch keine Antwort erhalten und im Juli Klage eingereicht. In der Hacker-News-Community wurde angemerkt, dass Apple den Antrag genau in der Phase einreichte, in der Gerüchte über einen bevorstehenden Börsengang (IPO) von OpenAI ihren Höhepunkt erreichten, um maximalen Verhandlungsdruck aufzubauen.
Foto: In einem Apple Store. In diesem Rechtsstreit geht es um Geschäftsgeheimnisse zu noch nicht veröffentlichten Produkten. Quelle: theguardian.com
Wo verläuft die Grenze zwischen Jobwechsel und Geheimnisverrat?
Die Debatte führt zur Kernfrage zurück: Was darf ein Mitarbeiter beim Firmenwechsel eigentlich mitnehmen?
Man kann es mit einer Metapher vergleichen: Das Wissen im Kopf eines Mitarbeiters gleicht Gepäck, aber das Unternehmen behauptet, ein Teil davon sei lediglich „gemietet“ und müsse beim Verlassen der Firma zurückgelassen werden. Dieser „Mietvertrag“ entspricht der bei der Einstellung unterzeichneten Vertraulichkeitsvereinbarung (NDA). Im Silicon Valley können Tech-Konzerne Mitarbeiter nicht durch Verträge an sich binden – das kalifornische Recht verbietet Wettbewerbsverbote ausdrücklich (Business and Professions Code, Section 16600), und ein 2024 in Kraft getretenes Gesetz erklärt bereits das reine Verlangen einer solchen Vereinbarung für illegal. Da Verträge zur Bindung wegfallen, bleiben Unternehmen nur NDAs und das Gesetz zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen.
Die Hürden des Geschäftsgeheimnisschutzes sind nicht hoch: Hat das Unternehmen „angemessene Geheimhaltungsmaßnahmen“ getroffen (wobei eine NDA bereits ausreicht), ist das unbefugte Entwenden von Dokumenten durch Mitarbeiter rechtswidrig. „Die Tür war nicht abgeschlossen“ ist rechtlich kein Verteidigungsgrund. Ein Ingenieur auf Hacker News zog den Vergleich: „Wenn Ihre Haustür unverschlossen ist und jemand jemanden bezahlt, um hineinzugehen und Dokumente zu kopieren, bleibt das ein Einbruch.“ Dem hielten andere entgegen: „Wer nicht einmal seine eigene Tür abschließt, wie kann er da von anderen Selbstdisziplin erwarten?“ Beide Seiten führen gewichtige Argumente ins Feld.
Die Geschichte des „Vaters des iPod“
Besondere Aufmerksamkeit in dieser Debatte erhielt ein Kommentar von Tony Fadell, bekannt als „Vater des iPod“. Auf Stratechery führte er aus, dass aggressive Klagen ein bekanntes Mittel von Apple seien, um ehemalige wie aktuelle Mitarbeiter einzuschüchtern. Er erinnerte an eine Episode aus der Zeit der Gründung seines Startups Nest: Steve Jobs drohte damals mit einer Klage, weil Nest angeblich 80 bis 100 Apple-Ingenieure abgeworben habe. Als Jobs am Telefon wutentbrannt brüllte, entgegnete Fadell: „Mitarbeiter zu halten ist Apples Aufgabe, nicht meine.“ Jobs hielt inne, und die beiden wechselten das Thema zu Familie und Urlaub. Nest warb weiterhin Mitarbeiter ab.
Diese Anekdote gleicht dem heutigen Rechtsstreit fast aufs Haar. Damals war es eine mündliche Drohung, heute ist es eine formelle Klage; damals betraf es Nest, heute OpenAI. Fadells Haltung bleibt eindeutig: Mitarbeiter besitzen das Recht auf freie Arbeitsplatzwahl, und Unternehmen müssen ihre Attraktivität nutzen, um Talente zu halten.
Apples eigene Vorgeschichte
Viele Stimmen in der Tech-Community erinnerten zudem an Apples eigene Vergangenheit. In den 2010er Jahren schlossen Apple, Google, Intel und Adobe vertrauliche Vereinbarungen ab, sich gegenseitig keine Mitarbeiter abzuwerben. Dies führte zu Ermittlungen des US-Justizministeriums (DOJ) und einer Sammelklage betroffener Arbeitnehmer. 2015 zahlten die vier Konzerne im Rahmen eines Vergleichs 415 Millionen US-Dollar. Aus den Ermittlungsunterlagen des Justizministeriums ging hervor, dass Steve Jobs dem CEO von Palm persönlich schrieb: „Wenn Sie auch nur einen unserer Leute einstellen, bedeutet das Krieg.“
Ingenieure auf HN erinnerten sich daran, dass die Entschädigungszahlungen nach dem Vergleich je nach Betriebszugehörigkeit oft nur rund 5.000 US-Dollar betrugen – ein Bruchteil des über Jahre hinweg gedrückten Gehaltsniveaus. Ein Unternehmen, das einst versuchte, den Wettbewerb um Talente zu unterbinden, klagt heute gegen das Abwerben durch Konkurrenten. Talente sind das wertvollste, aber auch am schwersten zu bindende Kapital eines Technologieunternehmens – eine Lektion, die Apple besser als jeder andere kennen dürfte.
Argumente auf beiden Seiten
Befürworter von Apples Position betonen: In den Anklagepunkten geht es um Screenshots, vertrauliche Dateien und physische Hardware-Komponenten – nicht um abstraktes Wissen im Kopf eines Entwicklers. Ein bestehendes Zugriffsrecht sei keineswegs mit der Berechtigung gleichzusetzen, interne Daten zu entwendet. Vertreter der Gegenseite halten entgegen: Apples Gehälter lägen im Vergleich zu anderen Silicon-Valley-Riesen eher im unteren Bereich, weshalb die Aktienoptionen von OpenAI extrem attraktiv seien. Es sei legitimes Recht der Arbeitnehmer, ihre Karrierechancen zu nutzen. Zudem bleibe Apple bei der genauen Aufschlüsselung des angeblich entstandenen Schadens vage, was den Eindruck erwecke, Klagen als Ersatz für kompetitive Gehaltserhöhungen einzusetzen.
In den Diskussionen der Entwickler-Community überwiegt eine differenzierte Haltung. Der Ausgang dieses Verfahrens wird letztlich von harten Beweisen abhängen, nicht von Sympathiewerten.
Die Grenze zwischen Jobwechsel und Geschäftsgeheimnisverrat versucht Apple nun auf dem Klageweg neu zu ziehen. Das kalifornische Recht und die Kultur des Silicon Valley stehen auf der Seite der mobilen Arbeitnehmer; das Gesetz zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen schützt die Unternehmen. Die Trennlinie verläuft genau dazwischen. Die Frage, wem das Wissen gehört, wird kein Gericht abschließend beantworten können. Sicher ist jedoch: Der Kampf um die besten AI-Talente ist endgültig vor Gericht angekommen – und dies wird nicht die letzte Auseinandersetzung sein.
Referenz-Links:
- TechCrunch: Apple says more ex-employees may have taken confidential data to OpenAI
- HN Discussion (item?id=49170479)
- The Guardian: Apple sues OpenAI, alleging artificial intelligence company stole trade secrets
- BBC: Google and Apple in $415m ‘non-poaching’ settlement
- Ogletree: Governor Newsom Signs Bill Reinforcing California’s Ban on Noncompete Agreements