Klimaversprechen versus KI-Boom: Amazon investiert in potenziell größten CO2-Emittenten der USA

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Quellen:Ars Technica + HN research · HN

Amazons offizielles Ziel lautet, bis 2040 netto null Treibhausgasemissionen (Net Zero) zu erreichen. Doch im August 2026 begannen im Westen von Texas die Bauarbeiten für ein von Amazon mitfinanziertes Erdgas-Kraftwerk. Laut Betriebsgenehmigung darf die Anlage jährlich bis zu 33 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen—mehr als jedes bestehende Kraftwerk in den Vereinigten Staaten. Der einzige Zweck der Anlage: die Stromversorgung von KI-Rechenzentren.

Der Widerspruch ist so eklatant, dass selbst ein Sprecher von Amazon einräumte: „Die Welt und unsere Energieanforderungen haben sich seit der Mitbegründung des Climate Pledge weiterentwickelt.“

Rauch steigt aus den Schornsteinen eines Gaskraftwerks auf

Foto: Rauchemissionen aus Schornsteinen eines Erdgas-Kraftwerks. Quelle: Getty Images (über Ars Technica)

Ein Kraftwerk: Wie viele Rechenzentren lassen sich damit betreiben?

Das Kraftwerk auf dem Gelände der GW Ranch im Pecos County, Texas, erstreckt sich über rund 8.000 Acre (mehr als 4.000 Standard-Fußballfelder). Das von Pacifico Energy entwickelte Projekt liegt direkt neben einem neu erworbenen Rechenzentrumscampus von Amazon. Gemäß der Baugenehmigung werden 35 Gasturbinen mit einer Gesamtleistung von 7,65 Gigawatt (GW) installiert.

Was bedeuten 7,65 GW in der Praxis? Ein großer Kernreaktor leistet etwa 1,2 GW; dieses Kraftwerk entspricht somit der Leistung von sechs gleichzeitig laufenden Kernreaktoren. Am öffentlichen Stromnetz angeschlossen, könnte es rund 6 Millionen US-Haushalte gleichzeitig versorgen.

In den Kommentaren auf Hacker News wurde schnell nachgerechnet: Ein „Mega“-KI-Rechenzentrumscampus benötigt etwa 500 Megawatt (MW) bis 1 GW. Bei Volllast könnte die Anlage theoretisch 8 bis 15 solcher Mega-Campusse parallel speisen—oder ein Vielfaches davon, gemessen an herkömmlichen Großrechenzentren (100-MW-Klasse). Und das ist nicht das einzige Projekt: Amazon verhandelt zudem über ein 4.5-GW-Gaskraftwerk in Homer City, Pennsylvania, mit einem Investitionsvolumen von rund 10 Milliarden US-Dollar auf dem Gelände eines stillgelegten Kohlekraftwerks.

Die ingenieurtechnische Erkenntnis hinter diesen Zahlen ist eindeutig: Bei dieser Anlage handelt es sich im Grunde um eine eigenständige „Kraftwerksstadt“, deren gesamte Ausbeute exklusiv den KI-Aktivitäten eines einzigen Konzerns dient.

Warum verbraucht KI so enorm viel Strom?

Der Stromverbrauch von KI teilt sich in zwei Hauptbereiche auf: Training und Inferenz (Ausführung). Das Training eines Fundamentalmodells erfordert den monatelangen Tag-und-Nacht-Betrieb von zehntausenden Rechenchips. Die Inferenz wiederum erfolgt bei jeder einzelnen Nutzeranfrage—jedes Mal, wenn eine Frage gestellt wird, müssen im Hintergrund beträchtliche Rechenkapazitäten in Echtzeit mobilisiert werden. Nach Schätzungen der Stanford University verbraucht eine einzelne KI-Anfrage rund 2,9 Wattstunden—genug, um eine 10-Watt-LED-Lampe 17 Minuten lang zu betreiben, und etwa das Zehnfache einer herkömmlichen Suchmaschinenanfrage.

Eine einzelne Anfrage erscheint vernachlässigbar, doch multipliziert mit hunderten Millionen täglicher Nutzer summiert sich der Verbrauch dramatisch. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2026 die Marke von 1.000 Terawattstunden (TWh) überschreiten könnte—was annähernd dem gesamten Jahresstromverbrauch Japans entspricht. Amazon-CEO Andy Jassy erklärte auf der Telefonkonferenz zu den Quartalszahlen Ende Juli, dass die Nachfrage nach KI und maßgeschneiderten Chips „explodiere“ und Versorgungsengpässe bis ins Jahr 2027 anhalten könnten.

Technologiekonzerne können nicht jahrelang auf Netzanschlüsse warten—hier liegt die Wurzel des gesamten Problems. Die Bearbeitung von Netzanschlussanträgen dauert oft Jahre. Das Marktforschungsunternehmen Cleanview stellte fest, dass die Inbetriebnahme eines Rechenzentrums nur wenige Monate früher Einnahmen in Milliardenhöhe bedeuten kann. Daher gilt die Devise „Geschwindigkeit geht vor alles“—Umweltprüfungen und Anwohnerinteressen werden hinterangestellt. Im vergangenen Jahr hat sich diese Praxis der Direktversorgung hinter dem Zähler („Behind-the-Meter“) von einer Nischenlösung zur vorherrschenden Branchenstrategie gewandelt. Google, Microsoft, Meta, Oracle, OpenAI und Anthropic ziehen allesamt nach.

Warum Gaskraftwerke keineswegs „sauber“ sind

Erdgas wird häufig als „Brückentechnologie“ beworben, da bei seiner Verbrennung pro Energieeinheit etwa halb so viel CO2 entsteht wie bei Kohle. Doch das Bild ist unvollständig. Erdgas besteht hauptsächlich aus Methan—einem extrem klimaschädlichen Treibhausgas. Über einen Zeitraum von 100 Jahren ist das Treibhauspotenzial von Methan mehr als 28-mal höher als das von CO2, auf einen 20-Jahres-Horizont betrachtet sogar mehr als 80-mal höher. Entlang der gesamten Kette von der Förderung über den Pipeline-Transport bis zur Lagerung kommt es kontinuierlich zu Methanleckagen.

Noch bedenklicher ist der Notfallcharakter vieler dieser Stromerzeugungsprojekte. Um Zeit zu sparen, greifen Technologieunternehmen auf jede verfügbare Ausrüstung zurück. xAI ließ im vergangenen Jahr auf Lkw montierte Gasgeneratoren direkt nach Memphis, Tennessee, transportieren. Andere Projekte nutzen umgebaute Flugzeugturbinen oder Kreuzfahrtschiff-Motoren. Diese Geräte weisen einen geringen Wirkungsgrad und höhere Emissionen pro Megawattstunde auf—sie wurden einzig deshalb ausgewählt, weil sie „sofort einsatzbereit“ sind.

Satellitenbild des xAI-Rechenzentrums in Memphis

Foto: Satellitenaufnahme des xAI-Rechenzentrums bei Memphis, Tennessee, auf der Reihen von Gasgenerator-Einheiten klar erkennbar sind. Quelle: Cleanview / Airbus DS

Gemäß der Betriebsgenehmigung darf das Kraftwerk in Texas jährlich bis zu 33 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen. Um diese Zahl einzuordnen: Das entspricht dem Jahresausstoß von rund 7 Millionen Personenkraftwagen und nähert sich der Hälfte des derzeitigen weltweiten CO2-Fußabdrucks des gesamten Amazon-Konzerns an.

Der Fairness halber muss betont werden, dass 33 Millionen Tonnen die genehmigte Obergrenze darstellen. Kraftwerke laufen selten das ganze Jahr über bei 100 % Auslastung, und Ingenieure weisen in Fachdiskussionen darauf hin, dass genehmigte Emissionsrechte meist deutlich über den tatsächlichen Betriebswerten liegen. Doch selbst wenn die realen Emissionen nur halb so hoch ausfallen sollten, würde die Anlage immer noch zu den größten CO2-Emittenten der USA zählen.

Wie die Net-Zero-Versprechen gerechnet werden

Im Jahr 2019 rief Jeff Bezos persönlich den „Climate Pledge“ ins Leben und verpflichtete Amazon dazu, bis 2040 netto null CO2-Emissionen zu erreichen—10 Jahre vor dem Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2050. Hunderte Unternehmen schlossen sich der Initiative an.

Der entscheidende Punkt liegt im Wort „netto“. Net Zero erlaubt es Unternehmen, verbleibende Emissionen durch den Kauf von CO2-Zertifikaten, Aufforstung und Klimaschutzprojekte auszugleichen, um auf dem Papier die Null zu erreichen. Zudem betont Amazon seit Langem, dass seine Eindeckung mit erneuerbaren Energien den eigenen Stromverbrauch übersteigt. Dabei handelt es sich jedoch um finanzielle Lieferverträge (PPA)—eine reine Bilanzierung auf dem Papier, die keineswegs garantiert, dass jede in die Server fließende Kilowattstunde physikalisch aus Wind- oder Sonnenenergie stammt. Ein Gaskraftwerk in der texanischen Wüste zu errichten, das den Strom am öffentlichen Netz vorbei direkt einspeist, zieht eine klare Trennlinie zwischen „Grünstrom-Zertifikaten“ und „tatsächlichem Stromverbrauch“. Berichte der New York Times unterstreichen zudem, dass Amazons Emissionen in den letzten Jahren gestiegen sind. Dem Konzern ist bewusst, dass die Rechenzentren-Expansion die Klimaziele gefährdet, doch das Wachstum in den Finanzberichten genießt vorrangige Priorität.

Konfrontiert mit Kritik erklärt Amazon, parallel auch Solarprojekte und Energiespeichersysteme auszubauen. Zudem könne das Kraftwerk künftig ins Netz eingebunden werden, um die lokale Stromversorgung zu unterstützen, ohne die Strompreise für Anwohner in Texas zu erhöhen. Diese Argumente mögen zutreffen, doch die zeitliche Abfolge bleibt eindeutig: Zuerst wird gebaut und Gas verbrannt; sauberere Alternativen folgen später.

Google und Microsoft stehen vor derselben Hürde

Amazon steht mit dieser Praxis keineswegs allein da. Google hat sich zu rund um die Uhr CO2-freier Energie (24/7 CFE) bis 2030 verpflichtet, Microsoft strebt bis 2030 eine negative CO2-Bilanz an, und auch Meta, OpenAI, Anthropic sowie Oracle werben auf ihren Websites mit ehrgeizigen Umweltzielen. Laut Erhebungen von Cleanview planen jedoch bereits 59 Rechenzentren-Projekte in den USA den Bau eigener Kraftwerke vor Ort mit einer Gesamtkapazität von rund 90 GW. Dies entspricht einem Viertel aller geplanten Rechenzentren-Entwicklungen im Land.

Wachstumskurve der Eigenstromkapazität für US-Rechenzentren

Grafik: Kumulierte Kapazität von „Behind-the-Meter“-Kraftwerksprojekten für US-Rechenzentren mit steilem Anstieg ab 2025. Quelle: Cleanview

Gleichzeitig werden die regulatorischen Rahmenbedingungen gelockert. Die US-Umweltschutzbehörde EPA setzt keine landesweiten Emissionsstandards mehr durch, und Umweltprüfungen sollen beschleunigt oder umgangen werden. Als xAI in Memphis von der Bürgerrechtsorganisation NAACP verklagt wurde, um den Betrieb der Gasturbinen zu stoppen, schaltete sich die Trump-Administration zugunsten von xAI ein und argumentierte, Bürger hätten kein Klagerecht auf Basis des „Clean Air Act“. Der Widerstand bleibt bestehen, doch das Ankämpfen gegen den Strom wird zusehends schwieriger.

Die wirtschaftliche Gesamtrechnung

Bereits der Standort der Anlage in Texas verdeutlicht die wirtschaftliche Logik: Pecos County liegt im Permian Basin, dem größten Ölfördergebiet der USA. Bei der Erdölförderung fallen gewaltige Mengen Begleitgas an, die lokal oft kaum vermarktet werden können. Bei Überkapazitäten fallen die Preise zeitweise sogar in den negativen Bereich, sodass Produzenten dafür zahlen müssen, dass das Gas abgenommen oder abgefackelt wird. Dieses quasi kostenlos verfügbare Gas zur Stromerzeugung für KI zu nutzen, ist betriebswirtschaftlich hochgradig rentabel.

Ein lukratives Geschäftsmodell und mathematisch reale Emissionen bewegen sich auf demselben Zeitstrahl aufeinander zu. Ob das Net-Zero-Versprechen für 2040 Bestand hat, wird sich vermutlich erst zeigen, wenn Amazon nach der Inbetriebnahme des Kraftwerks im Jahr 2027 seinen jährlichen Nachhaltigkeitsbericht vorlegt. Wir haben hier lediglich die Zahlen dargelegt; das abschließende Urteil bleibt den Leserinnen und Lesern überlassen.

Weiterführende Links:

  • Ars Technica: Amazon backs power plant that may become top source of US climate pollution
  • The New York Times: Amazon Data Center Stokes Worry It Would Be the Most Polluting Power Plant in the US
  • Cleanview: Bypassing the Grid — Behind-the-Meter Data Centers
  • Utility Dive: Largest US gas-fired power plant planned for data centers
  • Hacker News Diskussion (HN)