Die Zentralbank der KI: Wie Nvidia ohne eigenes Kapital 500 Milliarden Dollar mobilisiert

Die Zentralbank der KI: Wie Nvidia ohne eigenes Kapital 500 Milliarden Dollar mobilisiert

NvidiaAIInvestitionenInfrastruktur

Quellen:The Economist + HN

Mitte August sicherte sich ein im Bau befindliches Großrechenzentrum im US-Bundesstaat Ohio eine Finanzierungsgarantie von bis zu 105 Milliarden Dollar. Diese Summe würde ausreichen, um Twitter dreimal zu kaufen oder zwei Großbanken von Grund auf zu rekapitalisieren. Das Bemerkenswerte daran: Der Garantiegeber schießt weder Eigenkapital zu noch nimmt er direkte Schulden auf. Es handelt sich um ein reines Hardware-Unternehmen – Nvidia.

Vom Chipverkauf zum Garantieversprechen

Betrachtet man das Gesamtbild, betreibt der 5,4 Billionen Dollar schwere Tech-Riese ein im Technologiesektor beispielloses Finanzmanöver. Nur eine Woche zuvor kündigte Nvidia eine Partnerschaft mit sechs Wall-Street-Schwergewichten an, darunter Blackstone und Goldman Sachs, um Investitionen in die KI-Infrastruktur von über 500 Milliarden Dollar zu hebeln. Das operative Prinzip ist denkbar simpel: Start-ups leihen sich Geld an der Wall Street, um Prozessoren zu kaufen, während Nvidia für den Restwert dieser Chips garantiert.

Sollte ein Start-up in Zahlungsverzug geraten, verpflichtet sich Nvidia, die Hardware zu einem festgelegten Preis zurückzukaufen. Indem der Konzern seine eigene Bilanz als Bürgschaft in die Waagschale wirft, verwandelt er riskante Beschaffungsprojekte in quasi-abgesicherte Finanzanlagen. Seit Juli geht Nvidia sogar noch weiter und garantiert Rechenzentren aufstrebender Cloud-Vermieter feste Einnahmen: Bleiben Rechenkapazitäten ungenutzt, kauft Nvidia sie zum vereinbarten Preis selbst auf.

Dieses Modell bläht das rechnerische Volumen der gesamten Branche rasant auf. Anthropic etwa least über ein Geflecht von Verträgen Rechenleistung im Wert von rund 35 Milliarden Dollar von Cloud-Plattformen – deren physische Serverräume wiederum von einer neuen Generation von Leasingunternehmen bereitgestellt werden.

Verflochtene Beteiligungen, Garantien und Kaufzusagen zwischen Nvidia und seinen Kunden Abb.: Das Geflecht aus Beteiligungen, Garantien und Kaufzusagen zwischen Nvidia und seinen Kunden. Quelle: The Economist / Carl Godfrey

Die wichtigsten Kunden werden zu den größten Rivalen

Warum übernimmt ein marktbeherrschender Chiphersteller Bürgschaften für Dritte? Als Alphabet im vergangenen Jahr eine 50-jährige Anleihe begab, lag der Zinssatz bei gerade einmal 5,7 Prozent. Start-ups für Rechenkapazitäten zahlen hingegen fast das Doppelte. Diese drückenden Kapitalkosten hemmten den Ausbau kleinerer und mittelgroßer Infrastrukturanbieter massiv.

Der eigentliche Konflikt liegt jedoch tiefer: Die größten Kunden von Nvidia arbeiten mit Hochdruck an ihrer Unabhängigkeit. Amazon, Google und Microsoft investieren in diesem Jahr schätzungsweise 800 Milliarden Dollar in ihre Infrastruktur, doch ein immer größerer Teil dieser Budgets fließt in maßgeschneiderte, hauseigene Spezialchips. Diese Eigenentwicklungen kosten kaum ein Drittel der Nvidia-Hardware und lassen sich exakt auf die eigenen Architekturen zuschneiden.

Bloomberg Intelligence prognostiziert, dass maßgeschneiderte Prozessoren bis zum Ende des Jahrzehnts die Hälfte des Marktes für KI-Beschleuniger einnehmen werden. Die gezielte Förderung einer neuen Riege von Cloud-Vermietern dient Nvidia daher als strategische Absicherung gegen die Hyperscaler. Das Unternehmen benötigt diese alternativen Akteure im Markt, um sich nicht von einer Handvoll Tech-Giganten erpressbar zu machen.

Ein Kreditfundament aus dem Nichts

Das britische Wirtschaftsmagazin The Economist bezeichnete Nvidia vor diesem Hintergrund treffend als „Zentralbank der KI“. Während die Bilanzsumme der US-Notenbank Federal Reserve bei etwa 6,7 Billionen Dollar liegt, wirken die von Nvidia orchestrierten Zusagen über mehr als 500 Milliarden Dollar wie ein gigantisches brancheninternes Konjunkturprogramm. Dieses gewaltige Kreditsystem stützt sich derzeit auf rund 300 Milliarden Dollar an potenziellen Verbindlichkeiten von Kundenseite.

Die einzige Voraussetzung für das Funktionieren dieses Konstrukts ist eine zentrale Grundannahme von Nvidia-Chef Jensen Huang: Halbleiter seien langlebige Investitionsgüter, deren Wert durch fortlaufende Software-Updates über Jahre hinweg stabil bleibe. Marktdaten scheinen ihm vordergründig recht zu geben: Für A100-Chips, die bereits vor drei Jahren auf den Markt kamen, wurden noch im August dieses Jahres fünfjährige Mietverträge unterzeichnet.

Kritiker teilen diesen Optimismus keineswegs. Der bekannte Investor Michael Burry warnt, dass Cloud-Konzerne ihre Gewinne künstlich aufblähen, indem sie den Abschreibungszeitraum für Serveranlagen willkürlich von zwei bis drei auf fünf bis sechs Jahre gestreckt haben.

Der vom Economist rekonstruierte Kapitalfluss Abb.: Der vom Economist rekonstruierte Kapitalfluss: Garantien bringen Finanzierung, Finanzierung treibt Chipkäufe an. Quelle: The Economist / Carl Godfrey

Wer trägt am Ende das Risiko?

Dieses Financial Engineering führt zu einer gefährlichen Konzentration systemischer Risiken. Eine echte Zentralbank kann die Geldmenge steuern und Leitzinsen festlegen – Nvidia kann weder das eine noch das andere. Analysten von Morgan Stanley schätzen, dass die Verbindlichkeiten und Eventualverpflichtungen des Konzerns bis Anfang 2029 auf rund 200 Milliarden Dollar anwachsen könnten.

Für ein Scheitern des Modells braucht es keinen plötzlichen Nachfrageeinbruch; ein enttäuschendes Abflauen der Wachstumsraten reicht vollkommen aus. Sobald sich der Hype um die Investitionen in künstliche Intelligenz abkühlt, verwandeln sich die Ertragsgarantien und Rückkaufzusagen für ungenutzte Rechenzeiten schlagartig in eine massive Liquiditätsfalle.

Das Volumen der von Nvidia ausgegebenen Kreditversicherungen übersteigt den Wert der gelieferten Hardware mittlerweile bei weitem. Je dichter das Netz dieser Garantien gewebt wird, desto unausweichlicher wird es, dass die Kreditausfallrisiken der gesamten Branche am Ende als gigantische Rechnung in Nvidias eigener Bilanz aufschlagen.

Weiterführende Quellen:

  • Bericht von The Economist
  • Branchenprognose von Bloomberg Intelligence
  • Rechenzentrums-Schätzungen von SemiAnalysis
  • Diskussionen in der Hacker-News-Community