Am 1. April 1990 veröffentlichte der US-amerikanische Ingenieur David Waitzman einen Standard unter dem Titel RFC 1149: »A Standard for the Transmission of IP Datagrams on Avian Carriers«. In strengem Fachjargon beschrieb das Dokument, wie Datenpakete mithilfe von Brieftauben zwischen Computern übertragen werden können. Es war als reiner Aprilscherz gedacht. Doch nun hat das Auktionshaus Christie’s einen verknitterten Papierstreifen im Format 41 × 210 Millimeter gelistet, der mit einem Schätzpreis von 3.000 Dollar auf einen Käufer wartet.
Elf Jahre später machten neun Tauben aus dem Scherz-RFC Ingenieursrealität
Am 28. April 2001 versammelten sich Computerenthusiasten der Bergen Linux User Group (BLUG) in Norwegen mit Druckern und Brieftauben. Sie wandelten IP-Pakete in hexadezimale Zeichenketten um, druckten diese auf schmale Papierstreifen, rollten sie fest zusammen und befestigten sie an den Beinen der Tauben.
Die Vögel flogen über eine Distanz von fünf Kilometern zu einem anderen Taubenschlag und fungierten in der physischen Welt buchstäblich als Netzwerkkabel. Das Team schickte insgesamt neun Pakete los und konnte vier davon erfolgreich in Empfang nehmen. Wenn ein scheinbar absurder Scherztext mit handwerklicher Akribie in die Praxis umgesetzt wird, wandelt sich bloße Parodie in eine echte ingenieurtechnische Pionierleistung.
55 Prozent Paketverlust, doch die Kernverbindung stand
Während des fast dreistündigen Tests erreichte die Verlustrate des Systems rund 55 Prozent, was vor allem auf manuelle Handhabungsfehler zurückzuführen war. Nach dem Absetzen der Ping-Befehle im Terminal dauerte ein Round-Trip der Daten im besten Fall mehr als 3.000 Sekunden. Die durchschnittliche Latenzzeit lag bei gewaltigen 5,22 Millionen Millisekunden — etwa 87 Minuten.
Unter modernen Gesichtspunkten entspricht eine solche Verzögerung einem Totalausfall. Doch der Paketverlust rührte primär aus operationellen Pannen; die Übertragungsstrecke selbst funktionierte einwandfrei. Ein Beteiligter erinnerte sich später in einem Forum daran, wie dieses kuriose Experiment ihm damals in der Ära des Einwahl-Internets half, Gleichgesinnte und eine lebenslange Hacker-Gemeinschaft zu finden.
Ein zerknitterter Papierstreifen erzielt 3.000 Dollar Schätzpreis
Das Los 150, das derzeit bei Christie’s versteigert wird, ist genau jener Originalstreifen, der 2001 von der Taube abgenommen wurde. Er weist bis heute die charakteristischen Knicke auf, die durch das enge Aufrollen um den Taubenfuß entstanden sind. Auf der Trägerpappe befindet sich zudem die Originalunterschrift von Waitzman selbst. Die Gebote haben bereits 1.300 Dollar erreicht.
Abb.: Das 2001 tatsächlich per Brieftaube zugestellte Papierdatenpaket mit deutlichen Knickspuren. Quelle: Christie’s
Dass ein verwitterter Papierfetzen in einem renommierten Auktionshaus auf 3.000 Dollar geschätzt wird, liegt daran, dass das damalige Team selbst kleinste Kapselungsdetails exakt nach RFC-Vorgabe implementierte. Die Haltung, eine absurde Spezifikation wie ein ernstes Ingenieurprojekt zu behandeln, verlieh dem unscheinbaren Papier historischen Wert.
Raubvögel fressen Tauben: Physikalischer Paketverlust durch »ungeplante Kapselung«
Bereits im ursprünglichen Entwurf hatte Waitzman mit ernster Miene die spezifischen Risiken eines solchen Netzwerks aufgeführt. Das markanteste: die »unbeabsichtigte Kapselung« (unintentional encapsulation) durch Greifvögel. Mit anderen Worten: Das Paket kann unterwegs samt Taube von einem Falken gefressen werden. Ganz zu schweigen davon, dass das Entpacken vor Ort schmutzig ist und die Nutzdaten leicht zerreißt.
Im Jahr 2004 demonstrierten Forscher das Bandbreitenpotenzial physischer Datenträger noch eindrucksvoller: Sie befestigten Flash-Speicherkarten an Tauben, ließen sie 100 Kilometer weit fliegen und übertrugen so 4 GB an Daten. Der enorme physische Durchsatz glich die Langsamkeit des Flugs aus und sicherte dem gefiederten Datentransport einen bleibenden Platz in den Annalen der Netzwerkerkundung.
Abb.: Eine Brieftaube als physisches Netzwerkkabel. Quelle: Wikimedia Commons
Dass ein Aprilscherz schließlich als historisches Artefakt im Auktionssaal landete, verdankt sich nicht bloßem Humor. Wenn Ingenieure Zeit und Energie investieren, um die abwegigste Idee nach allen Regeln der Kunst umzusetzen, hinterlassen sie der Nachwelt weit mehr als nur ein zerknittertes Stück Papier.
Weiterführende Links:
- Auktionsseite bei Christie’s
- RFC 1149 Originalspezifikation
- Diskussionsarchiv der Bergen Linux User Group