567 Millionen Dollar Strafe: Gericht macht Meta für Schäden an Kindern verantwortlich

567 Millionen Dollar Strafe: Gericht macht Meta für Schäden an Kindern verantwortlich

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Quellen:HN + web research · HN

Am 6. August 2026 verurteilte ein Gericht im US-Bundesstaat New Mexico den Social-Media-Riesen Meta zu einer Schadenersatzzahlung von 567 Millionen US-Dollar. Zur Begründung hieß es, Facebook und Instagram hätten die psychische Gesundheit von Kindern geschädigt. Meta ist der Mutterkonzern beider Netzwerke und eines der weltweit größten Social-Media-Unternehmen.

Dies ist bereits die zweite Zahlungsanordnung in demselben Verfahren. Im März dieses Jahres hatte eine Geschworenenjury im selben Bundesstaat Meta bereits zur Zahlung von 375 Millionen Dollar verurteilt – das erste Mal in der US-Geschichte, dass eine Jury Meta haftbar für Schäden machte, die auf seinen Plattformen entstanden sind. Beide Urteile belaufen sich zusammen auf 942 Millionen Dollar. Der Zweck der Mittel ist im Urteil genau festgelegt: 420 Millionen Dollar sind für die psychologische Behandlung von Jugendlichen in New Mexico vorgesehen, der Rest ist für Präventionsarbeit, Screenings und Evaluationen über einen Zeitraum von fünf Jahren bestimmt.

Das Geld geht nicht direkt an einzelne Kinder, sondern an die Regierung des Bundesstaates, um den Schaden zu mildern. Richter Bryan Biedscheid stellte in seinem Urteil fest, dass Metas Plattformen eine „öffentliche Beeinträchtigung“ (Public Nuisance) darstellen – vergleichbar mit einer Fabrik, die Schadstoffe in einen Fluss leitet, nur dass hier die psychische Gesundheit von Kindern verschmutzt wurde.

Mark Zuckerberg vor dem Gerichtsgebäude Foto: Archivbild von Mark Zuckerberg bei seinem Gerichtstermin im Februar dieses Jahres. Quelle: theguardian.com

Wie ein kleiner Bundesstaat mit 2 Millionen Einwohnern den Tech-Riesen besiegte

Ende 2023 verklagte der Generalstaatsanwalt von New Mexico, Raúl Torrez, den Konzern Meta und Mark Zuckerberg. Die Anklage stützte sich auf drei Kernpunkte: Algorithmen leiteten ungeeignete Inhalte für Erwachsene an Minderjährige weiter; das Produktdesign war bewusst darauf ausgelegt, Suchtverhalten zu fördern; und das Unternehmen hielt interne Erkenntnisse über Schäden an Kindern unter Verschluss. New Mexico zählt nur etwas mehr als 2 Millionen Einwohner, erreichte jedoch als erster US-Bundesstaat überhaupt einen gerichtlichen Sieg gegen Meta vor einer Jury.

Der Schlüssel lag in den Beweisen. Vor Gericht vorgelegte interne Dokumente zeigten, dass Metas Algorithmen erwachsene Nutzer gezielt auf Inhalte von Jugendlichen lenkten. Zudem wusste die Unternehmensführung seit Langem, dass Instagram Risiken für die mentale Gesundheit junger Mädchen birgt, machte dies jedoch nicht öffentlich. Eine Untersuchung des Guardian aus dem Jahr 2023 enthüllte darüber hinaus, dass Facebook und Instagram zeitweise als Kontaktbörsen für sexuelle Ausbeutung von Kindern dienten. Ehemalige Moderatoren sagten aus, dass gemeldete Fälle nicht an höhere Stellen eskaliert wurden. Auf dieser Grundlage entschied die Jury, dass Meta die psychische Gesundheit von Kindern vorsätzlich geschädigt, Informationen verschwiegen und gegen das Verbraucherschutzgesetz des Bundesstaates verstoßen hat.

Was genau waren die vom Richter festgestellten „Fehler“?

Das Urteil prangerte konkrete Designmerkmale an: das unendliche Scrollen („Infinite Scroll“), das kein Ende des Feeds erlaubt; die automatische Wiedergabe („Autoplay“), bei der Videos pausenlos nacheinander ablaufen; die Anzeige von „Gefällt mir“-Angaben, die Nutzer zur ständigen Kontrolle verleitet; sowie Push-Benachrichtigungen, die ununterbrochen melden: „Jemand hat deinen Beitrag geliked“. Das gemeinsame Ziel dieser Funktionen ist es, die Verweildauer der Nutzer zu maximieren. Für Erwachsene ist das bestenfalls Zeitverschwendung; für Jugendliche, deren Gehirne sich noch in der Entwicklung befinden, kapern diese Mechanismen wiederholt die Aufmerksamkeit. Mit den Worten des Richters sind Jugendliche „besonders anfällig für Funktionen, die darauf ausgelegt sind, das Engagement zu steigern“.

Instagram-Benutzeroberfläche auf einem Smartphone Foto: Instagram-Benutzeroberfläche auf einem Smartphone (Archivbild). Quelle: pbs.org

Neben der Geldstrafe ordnete das Gericht daher auch Produktanpassungen an. In New Mexico werden Push-Benachrichtigungen und die Gesamtnutzungszeit für Nutzer unter 18 Jahren auf maximal 90 Stunden pro Monat beschränkt (durchschnittlich etwa 3 Stunden pro Tag); „Gefällt mir“-Zahlen müssen ausgeblendet werden. Darüber hinaus muss Meta die Altersverifikation überarbeiten: Einsatz von KI-Modellen zur Bestimmung des Nutzeralters anhand von Freundschaftsnetzwerken und geposteten Inhalten, Entwicklung eines „Unter-13-Vorhersagemodells“ innerhalb von zwei Jahren, Anforderung von Altersnachweisen bei Verdacht auf Nutzer unter 13 Jahren, Bereitstellung eines speziellen Portals für Lehrkräfte zur Meldung mutmaßlich minderjähriger Nutzer sowie die Löschung von Daten von Nutzern unter 13 Jahren.

Ein wichtiges Detail: Der Richter ordnete keine obligatorische, universelle Altersverifikation an. Zum einen verbietet das US-Bundesgesetz zum Schutz der Privatsphäre von Kindern im Internet (COPPA) den Plattformen die Erhebung personenbezogener Daten von Kindern unter 13 Jahren zur Altersüberprüfung; zum anderen wäre eine Verifikationspflicht, die nur für Meta gilt, gegenüber anderen sozialen Netzwerken unfair. Das Urteil zielte darauf ab, Metas Verhalten zu korrigieren, ohne Regeln aufzustellen, die nur für ein einziges Unternehmen gelten – ein Detail, das die richterliche Umsicht unterstreicht.

Was bedeuten 942 Millionen Dollar für Meta?

Betrachtet man zunächst die Gesamtzahlen: Meta erwirtschaftete im Jahr 2025 einen Reingewinn von rund 60 Milliarden Dollar. 942 Millionen Dollar entsprechen somit weniger als dem Gewinn einer einzigen Woche. Am Abend nach der Verkündung des Urteils fiel die Meta-Aktie um weniger als 0,5 %. Aus dieser Perspektive erscheint der Betrag in der Tat überschaubar.

Rechnet man die Zahlen jedoch lokal um, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Mitglieder der Tech-Community schlüsselten die wirtschaftlichen Daten auf Bundesstaatsebene auf: New Mexico hat etwas mehr als 2 Millionen Einwohner. Verteilt man Metas Umsatz in den USA und Kanada proportional zur Bevölkerung, erzielte das Unternehmen in diesem Bundesstaat in den letzten fünf Jahren schätzungsweise 1,5 bis 2,0 Milliarden Dollar. Die Strafe von 942 Millionen Dollar kommt somit dem Entzug von mehr als zwei Jahresumsätzen in dieser Region gleich. Für jedes Unternehmen ist der Verlust von mehr als zwei Jahresumsätzen in einem Markt gravierend genug, um strategische Weichenstellungen zu beeinflussen.

Rechnet man den Betrag pro Kopf der betroffenen Minderjährigen um: In New Mexico leben etwa 450.000 Kinder unter 18 Jahren, davon rund 140.000 im Alter von 13 bis 17 Jahren. Geht man von den US-weiten Quoten aus, wonach etwa 70 % der Jugendlichen Instagram und etwa 30 % Facebook nutzen, gibt es im Bundesstaat rund 100.000 registrierte jugendliche Nutzer sowie schätzungsweise 30.000 Kinder unter 13 Jahren, die Altersgrenzen umgangen haben. Das ergibt insgesamt etwa 130.000 betroffene Minderjährige. Teilt man 942 Millionen Dollar durch 130.000, entspricht das etwa 7.250 Dollar pro Kind. Kommentatoren scherzten bereits, dies wirke wie ein Kopfgeld für Kinder, die „eine gefährliche Plattform entdeckt haben“ – ironischerweise finanziert aus den Werbeeinnahmen, die Meta mit genau diesen Kindern erzielt hat.

Dennoch ist es äußerst unwahrscheinlich, dass das Geld rasch ausgezahlt wird. Meta hat bereits erklärt, das Urteil nicht zu akzeptieren und Berufung einzulegen. In den USA ist es keine Seltenheit, dass erstinstanzliche Riesensummen gegen Großkonzerne in der Berufung aufgehoben oder drastisch reduziert werden, und auch in den HN-Diskussionen geht die Mehrheit von einer Reduzierung aus. Die eigentliche Spannung liegt in der Frage, ob die gerichtlich angeordneten Produktanpassungen – Zeitlimits, Ausblenden von Likes und neue Altersprüfungen – während des Berufungsverfahrens in Kraft treten werden.

Warum ist dies ein wegweisender Präzedenzfall?

Weil es sich um den ersten fallenden Dominostein handelt. Vor dem Sieg von New Mexico war das Thema „Schädigung von Minderjährigen durch soziale Medien“ in den USA vor allem eine gesellschaftliche Debatte. Nach diesem Gerichtserfolg wurde daraus eine juristische Vorlage, die andere Bundesstaaten kopieren können. Derzeit klagen mehr als 30 US-Bundesstaaten gegen Meta: Der Prozess in Tennessee läuft bereits, und diesen Monat beginnt vor einem Bundesgericht in Oakland, Kalifornien, die Verhandlung einer Klage von 29 Bundesstaaten. Zudem haben tausende Familien Einzelklagen eingereicht; Ende Juli verklagten die Familien von vier Jugendlichen, die Suizid begingen, gemeinsam Meta, TikTok, Snap und YouTube.

Symbolbild zu Meta-Klagen Foto: Meta sieht sich mit zahlreichen Klagen wegen Vorwürfen zur Kindersicherheit konfrontiert (Archivbild). Quelle: france24.com

Laura Edelson, Forscherin für Social-Media-Sicherheit an der Northeastern University, betonte, dass die USA soziale Medien zwar kaum komplett verbieten werden, die Bundesstaaten jedoch endlich einen Weg gefunden haben, Tech-Konzernen Schranken aufzuerlegen, wenn diese wissen, dass ihre Produktdesigns den Nutzern schaden. Diese Einschätzung trifft den Kern: Der eigentliche Wert des Urteils liegt in der Etablierung des Grundsatzes, dass es Konsequenzen hat, mit schädlichen Algorithmen auf Kosten von Kindern Geld zu verdienen. Ob dieser Grundsatz Bestand hat, wird das Berufungsgericht entscheiden.

Für Eltern liefert dieser Fall zwar keine finale Antwort auf die Frage, ob Kinder Smartphones nutzen sollten, aber er setzt ein klares Signal: Wenn Konzerninteressen und die Gesundheit von Kindern kollidieren, beginnt das Gesetz, sich auf die Seite der Kinder zu stellen.

Referenzen

  • The Guardian: New Mexico court orders Meta to pay $567m
  • HN-Diskussion (item?id=49204352)
  • Erklärung des Generalstaatsanwalts von New Mexico
  • PBS NewsHour / AP: New Mexico court orders Meta to pay $567 million
  • France 24 / AFP: Meta ordered to pay $567 million in New Mexico child safety ruling