Das frustrierende Muster des Jo-Jo-Effekts ist zahllosen Menschen vertraut: Nach wochenlanger, disziplinierter Kalorienrestriktion schwinden mühsam einige Kilogramm, nur um nach wenigen üppigen Feiertagsmahlzeiten postwendend wieder auf der Waage zu erscheinen. Der biologische Ursprung dieser hartnäckigen Gewichtszunahme liegt in der grundlegenden Physiologie des menschlichen Fettgewebes verankert.
Die Gesamtzahl der Fettzellen (Adipozyten) bleibt beim erwachsenen Menschen nach der Pubertät weitgehend konstant. Übersteigt die Kalorienzufuhr den Energiebedarf, blähen sich die Adipozyten wie Ballons auf. Wird durch Diäten ein Energiedefizit erzwungen, verschwinden diese Zellen keineswegs – sie entleeren lediglich ihre gespeicherten Triglyzeride und verringern ihr Volumen. Solange diese intakten Zellstrukturen im Körper verbleiben, stehen sie bereit, sich bei normalisierter Nahrungsaufnahme unverzüglich wieder aufzufüllen.
Das in Neu-Taipeh ansässige biopharmazeutische Unternehmen Caliway hat mit dem niedermolekularen Injektionspräparat CBL-514 einen Wirkstoffkandidaten entwickelt, der dieses physiologische Dilemma durchbrechen soll. Am 1. Oktober 2026 präsentierten die Forscher klinische Phase-2-Daten auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Mailand, über die Science News am 9. Oktober 2026 ausführlich berichtete.
Konstante Adipozytenzahl im Erwachsenenalter: Warum Diäten Fettzellen nur aushungern
Um die Wirkweise des neuen Wirkstoffs zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Grenzen konventioneller Methoden zur Gewichtsreduktion. Adipozyten fungieren im Körper als mikroskopische Speicherbecken für überschüssige Nahrungsenergie. Kalorienrestriktion und Ausdauertraining senken zwar den Füllstand dieser Reservoirs, die Anzahl der Becken selbst bleibt jedoch unverändert.
Befindet sich der Organismus im Energiedefizit, mobilisiert er die in den Fettzellen gebundenen Triglyzeride zur Energiegewinnung. Dadurch schrumpft das Zellvolumen, während die Zellmembranen und intrazellulären Signalstrukturen vollkommen intakt bleiben. Solange die Fettzellen überleben, sendet das neuroendokrine System kontinuierlich Hungersignale aus, um die geleerten Depots wieder aufzufüllen.
CBL-514 verfolgt einen grundlegend anderen biologischen Ansatz. Die Substanz hemmt selektiv das Enzym DYRK1B (Dual-specificity tyrosine-regulated kinase 1B), eine Proteinkinase, die für das Überleben und die Vitalität von Adipozyten unverzichtbar ist. Die Blockade dieses Zielproteins löst in den Adipozyten das Programm des kontrollierten Zelltods aus – die sogenannte Apoptose.
Wird die DYRK1B-Aktivität unterbunden, zerfallen die Adipozyten eigenständig in apoptotische Körperchen. Das Immunsystem, insbesondere Makrophagen, beseitigt diese Zelltrümmer anschließend vollständig. Dieser Mechanismus entspricht dem Abriss der Speicherbecken selbst, wodurch die absolute Zahl der Fettzellen im Gewebe physisch reduziert wird.
Abbildung: CBL-514 reduziert das Fettvolumen durch gezielte Apoptose von Adipozyten. Quelle: SciTechDaily (EASD-Präsentationsdaten)
Gezielte Apoptose: Zehn Prozent weniger viszerales Fett nach zwölf Wochen
Das Forschungsteam führte zwei klinische Phase-2-Studien unter den Bezeichnungen CBL-0204 und CBL-0205 durch. Die Wirksamkeitsanalyse konzentrierte sich auf eine Subgruppe von 40 Teilnehmern, deren Fettgewebe mittels Magnetresonanztomographie (MRT) präzise vermessen wurde. Der Body-Mass-Index (BMI) der Probanden lag zwischen 22 und 30, deckte also normalgewichtige bis übergewichtige Personen ab.
Die Probanden wurden in zwei Gruppen randomisiert: 23 erhielten subkutane Injektionen von CBL-514, 17 ein Placebo. Die Injektionen erfolgten alle drei Wochen in das Unterhautfettgewebe des Unterbauchs bei einer Höchstdosis von 600 Milligramm pro Sitzung über einen Zeitraum von bis zu zwölf Wochen. Mit abnehmender Dicke der Bauchfettschicht wurde das Injektionsintervall entsprechend angepasst.
Die MRT-Messungen lieferten eindeutige Ergebnisse. Zu Studienbeginn war das Ausgangsvolumen an viszeralem Fett – jenem tief in der Bauchhöhle gelegenen Fettgewebe, das lebenswichtige Organe umhüllt – in beiden Gruppen vergleichbar (642,5 ml in der Verum-Gruppe gegenüber 677,4 ml unter Placebo).
Vier Wochen nach Abschluss der Behandlung verzeichnete die CBL-514-Gruppe eine durchschnittliche Abnahme des viszeralen Fetts um 71 ml, was einem Rückgang von 12,01 % entspricht. In der Placebogruppe nahm das viszerale Fett hingegen um 31 ml (+5,68 %) zu. Bei einer Nachuntersuchung acht bis zwölf Wochen nach Therapieende lag das viszerale Fett der behandelten Probanden immer noch um 10,45 % unter dem Ausgangswert, während die Placebogruppe um 11,76 % über dem Ausgangsniveau lag. Die Netto-Differenz in der Entwicklung des viszeralen Fetts zwischen beiden Studienarmen betrug 22,21 Prozentpunkte.
Ein Volumen von 71 ml entspricht etwa einer viertel Tasse Flüssigkeit (ca. 63 bis 71 ml). Was auf den ersten Blick geringfügig klingen mag, ist bei metabolisch hochaktivem viszeralen Fettgewebe ein klinisch bedeutsamer Rückgang, der das kardiovaskuläre Risikoprofil spürbar entlastet.
Abbildung: Die Ansammlung von viszeralem Bauchfett steht in engem Zusammenhang mit chronischen Stoffwechselerkrankungen. Quelle: New York Post (stock.adobe)
Unerreichbar für die Fettabsaugung: Gezielter Angriff auf tiefes Bauchfett
Fettgewebe im menschlichen Körper ist funktionell keineswegs homogen. Im Vergleich zum mit den Fingern greifbaren subkutanen Unterhautfett birgt viszerales Fett ein ungleich höheres pathogenes Potenzial. Es sondert kontinuierlich freie Fettsäuren und proinflammatorische Zytokine direkt in den Pfortaderkreislauf ab, was Insulinresistenz, Typ-2-Diabetes und das Risiko für Myokardinfarkte drastisch erhöht.
Viele Betroffene greifen auf ästhetische Eingriffe wie Liposuktion oder Bauchdeckenstraffung zurück. Chirurgische Absaugkanülen können jedoch prinzipbedingt nur das oberflächliche subkutane Fettgewebe erfassen. Da eine chirurgische Intervention im freien Peritonealraum die Organe verletzen würde, bleibt tiefes viszerales Fett für die operative Fettabsaugung unerreichbar.
CBL-514 zeigte hingegen in beiden Kompartimenten messbare Erfolge. Acht Wochen nach Therapieende erreichten 69,6 % der mit dem Wirkstoff behandelten Probanden eine Reduktion des subkutanen Fetts um ≥150 ml (rund 5 Flüssigunzen, vergleichbar mit einer halben kleinen Packung Milch). In der Placebogruppe erreichte kein einziger Teilnehmer diese Schwelle (0 %).
Dr. W. Timothy Garvey, Professor an der University of Alabama at Birmingham und wissenschaftlicher Berater von Caliway, unterstrich die medizinische Relevanz: „Patienten freuen sich in der Regel über einen flacheren Bauch. Medizinisch entscheidend ist jedoch der Rückgang des viszeralen Fetts und die damit verbundene Verbesserung von Blutdruck und Cholesterinspiegel.“
Abbildung: CBL-514 ist ein lokal wirkendes niedermolekulares Injektionspräparat mit einem anderen Wirkmechanismus als appetitzügelnde Medikamente. Quelle: New York Post (stock.adobe)
Kombinationstherapie gegen den Jo-Jo-Effekt: Erste Daten aus dem Tiermodell
Breitenwirksame GLP-1-Rezeptor-Agonisten (wie Semaglutid, Handelsname Ozempic oder Wegovy) dämpfen zentral das Hungergefühl und ermöglichen schnelle Gewichtsverluste. Das Absetzen führt jedoch häufig zu einem massiven Rebound-Effekt. Klinische Daten belegen, dass Patienten innerhalb eines Jahres nach Therapieende im Durchschnitt zwei Drittel des verlorenen Gewichts wieder zulegen. Zudem besteht bis zu ein Viertel des Gewichtsverlusts unter Inkretinmimetika aus Magermasse (Muskulatur und stoffwechselaktive Organmasse).
Auf der Suche nach Wegen zur Eindämmung dieses Rebounds untersuchte das Forscherteam Kombinationsansätze im Nagetiermodell. Ratten, die simultan mit CBL-514 und Tirzepatid behandelt wurden, verloren nicht nur insgesamt mehr Gewicht, sondern zeigten nach Absetzen der Medikation auch eine signifikant verlangsamte Wiederzunahme.
Die Forscher führen dies darauf zurück, dass die physische Eliminierung von Adipozyten die metabolische Speicherkapazität des Organismus beschränkt und somit das Zeitfenster bis zu einer erneuten Gewichtszunahme deutlich verlängert. Diese Synergieeffekte wurden bislang jedoch ausschließlich im Tiermodell nachgewiesen und bedürfen noch der Bestätigung in klinischen Studien am Menschen.
Gleichzeitig wies CBL-514 ein günstiges Sicherheitsprofil auf. Die häufigsten unerwünschten Ereignisse beschränkten sich auf vorübergehende lokale Reaktionen an der Injektionsstelle wie leichte Rötungen, Druckschmerzhaftigkeit und Schwellungen, die ohne therapeutische Intervention rasch abklangen. Schwerwiegende therapieassoziierte Nebenwirkungen traten nicht auf. Das Präparat hat inzwischen die behördliche Genehmigung für den Start von Phase-3-Studien erhalten – dem entscheidenden Schritt vor einer möglichen Zulassung.
Die Studienautoren wiesen zugleich auf Limitationen der Untersuchung hin. Mittels MRT wurde zwar die Verringerung des Fettvolumens objektiv nachgewiesen, die korrespondierenden Verbesserungen kardiometabolischer Parameter wie Blutdruck und Glukosestoffwechsel müssen jedoch in größeren Kollektiven verifiziert werden. Auch war die analysierte MRT-Kohorte mit 40 Teilnehmern verhältnismäßig klein.
Vom Schrumpfen zum physischen Abbau: Ein Paradigmenwechsel im Fettabbau
Bisherige Ansätze zur Gewichtsreduktion konzentrieren sich darauf, Fettzellen auszuhungern und deren Füllstand zu minimieren. Doch das im Körper verbleibende Zellgerüst bildet das biologische Fundament für den unausweichlichen Rückfall. CBL-514 eröffnet eine neue Perspektive: die molekularbiologisch gezielte Einleitung der Apoptose, um die Fettzellen physisch aus dem Organismus zu entfernen.
Auch wenn vor einer Zulassung noch aufwendige Phase-3-Studien anstehen, liefert das Konzept der zellulären Beseitigung eine plausible biologische Antwort auf den Jo-Jo-Effekt. Wenn sich das therapeutische Ziel von der bloßen Zellverkleinerung hin zur Verringerung der absoluten Zellzahl verschiebt, könnte das langfristige Halten eines gesunden Körpergewichts auf ein völlig neues Fundament gestellt werden.
Weiterführende Quellen:
- Bericht von Science News vom 9. Oktober 2026
- Daten der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Mailand